Asger Jorn in Hamburg: Von Trollen und kosmischem Heulen

Hamburg. Nachdem Per Kirkeby (1938–2018) gestorben ist, hat in Dänemark eine neue Sicht auf die Kunst des 20. Jahrhunderts begonnen. Im Mittelpunkt die Frage nach dem bedeutendsten Künstler: Ist es der Anfang Mai verstorbene Maler, Bildhauer, Dichter und Architekt Kirkeby, der lange Jahre eine Professur in Karlsruhe innehatte. Oder der eine Generation ältere Asger Jorn, anfangs Vorbild und Inspiration Kirkebys. Asger wer? Tatsächlich prägte der als Asger Oluf Jørgensen geborene Jorn (1914–1973) die künstlerische Szene seiner Heimat und weit darüber hinaus. Schon 1936 brach der junge Maler aus dem engen Jütland aus, um mit seinem Motorrad auch durch Norddeutschland nach Paris zu fahren. Dort kommt der gelernte Lehrer in Kontakt mit Denkern und Kreativen wie Fernand Léger oder Le Corbusier. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründet der Kommunist und Wiederstandskämpfer legendäre Künstlergruppen wie „CoBrA“ (CopenhagenBrüsselAmsterdam) und die „Situationistische Internationale“ mit.

In einer konzentrierten Auswahl Jorns Werk jetzt in Hamburg neu zu entdecken. Unter dem Titel „Asger Jorn – Without Boundaries“ zeigen die Deichtorhallen 60 Arbeiten Jorns mit Schwerpunkt auf den späten 1930er bis 70er Jahren – von frühen Keramiken über Zeichnungen und Drucken, die Einflüsse von Paul Klee, Joan Miró und Max Ernst aufweisen bis hin zu späten expressiven Malereien. Das Besondere: Rund die Hälfte der Werke stammt aus privaten Sammlungen und ist sonst nicht öffentlich zu sehen. Zu entdecken ist zum einen der bekannte „Dämonenporträtist“ Jorn, so Ausstellungsmacher Dirk Luckow, der immer die nordische Sagenwelt mit Trollen und Zwergen ins Bild setzt. Erleben lässt sich vor allem aber auch der emotionale, gefühlsbetonte Künstler, der die Radikalität der Malerei liebt. Dazu zählen Hauptwerke wie „Sans bornes“ von 1959/60 oder „Im Anfang war das Bild“ von 1965/66.

 

Asger Jor  n: Gofs-Lygybri, 1943, Öl auf Leinwand, 84 x 100 cm Canica Art Collection / KODE - Art Museum of Bergen, Norway © VG Bild Kunst
Asger Jor n: Gofs-Lygybri, 1943, Öl auf Leinwand, 84 x 100 cm Canica Art Collection / KODE - Art Museum of Bergen, Norway © VG Bild Kunst

Die Jorn-Leihgabe „Rotes Licht“ stammt aus der Sammlung von Charline von Heyl. Die 1960 in Mainz geborene Malerein, die in New York lebt, gehört zu den wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlern und studierte Anfang der 1980er in Hamburg. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem Heyl den Dänen Jorn für sich entdeckte: „Ich schätze bis heute seine starke Sprachkraft und Poesie. Die Phase der Fluxus-artigen CoBrA-Kunst die extrem lebensbejahrend in der sonst halbtoten Nachkriegszeit.“ Ebenfalls 60, meist großformatige Gemälde Heyls von 2005 bis heute sind in der Ausstellung „Snake Eyes“ parallel zum Dänen Jorn in den Deichtorhallen zu sehen. Die oft intuitiven, weder figurativ noch nur abstrakten Bilder der renommierten Malerin irritieren mindestens genauso wie sie faszinieren. Sie erschienen einfach, fast weltabgewandt und stehen doch mitten in der Gegenwart, wie von Heyl unterstreicht: „Denn ich glaube, dass wir an einem Punkt sind, an dem ein allgemeines kosmisches Heulen an der Zeit wäre.“

 

Informationen

Die Doppelausstellung „Asger Jorn – Without Boundaries“ und „Charline von Heyl – Snake Eyes“ ist noch bis 23. September in den Hamburger Deichtorhallen, Deichtorstraße 1–2, www.deichtorhallen.de , zu sehen. Geöffnet ist Di–So 11–18 Uhr. Eintritt 12 Euro, Kinder unter 18 Jahren frei. Zur Ausstellung sind zwei Kataloge erschienen.