Kopenhagens übersehene Perlen: Persönliche (Kultur-)Tipps von Kasper Holten, dem Leiter des Königlichen Theaters

Kasper Holten an seinem Arbeitsplatz im Königlichen Theater in Kopenhagen. Foto: Christoph Schumann, 2020
Kasper Holten an seinem Arbeitsplatz im Königlichen Theater in Kopenhagen. Foto: Christoph Schumann, 2020

Von Christoph Schumann

 

PORTRÄT. Kopenhagen. Wer zu Kasper Holten möchte, muss gut zu Fuß sein. Am Bühneneingang des Königlichen Theaters geht es zunächst vorbei an einer Ahnengalerie große dänischer Schauspieler. Es folgen zahlreiche Türen, ein Abzweig zur Kantine und lange Gänge, von denen Besucher rasche Blicke auf die Probebühne und in den großen Saal des renommierten Hauses im Herzen der dänischen Hauptstadt erhaschen können. Irgendwo geht es hinauf in den ersten Stock, hinein ins künstlerische Zentrum der renommierten Staatstheaters, das seit 1748 seinen Stammsitz am Platz Kongens Nytorv zwischen Einkaufsmeile Strøget und Ausgehviertel Nyhavn hat. Endlich ist das Büro des Chefs erreicht – genauer: des Intendanten der dänisch Det Kongelige Teater genannten führenden Schauspiel- und Opernhauses des Königreichs.

„Entschuldige die Unordnung“, eröffnet der Herr über sechs Bühnen, drei Häuser und rund 860 MitarbeiterInnen unser Gespräch und zeigt auf unzählige Ölgemälde Wände und Boden seines großzügigen Arbeitsraums, dessen Mittelpunkt ein riesiger Konferenztisch bildet. „Ich bin immer noch dabei, mein Büro neu zu gestalten aus dem Fundus des Theaters – da ist alles noch im Wandel.“ Tatsächlich ist der 1973 geborene Holten erst in der zweiten Saison als Intendant für die Geschicke – und Erfolge – des berühmten Hauses verantwortlich. Vor seiner Rückkehr in die Heimat war Holten von 2011 bis 2017 künstlerischer Leiter des Londoner Royal Opera House in Covent Garden. Davor arbeitete der studierte Literatur- und Theaterwissenschaftler viele Jahre als Regisseur für Opern, Theater und Musicals auf Bühnen im In- und Ausland. „Darum bin ich zum einen immer noch dabei, mich beruflich einzurichten – zum anderen aber auch, mein persönliches Kopenhagen wiederzuentdecken“, sagt Holten.

 

Seine ganz private Sicht auf Kopenhagen ist auch der eigentliche Grund meines Besuchs: Der kreative Macher ist einer der dänischen Kulturbotschafter, die im Rahmen des deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahres 2020 in Zusammenarbeit mit Kulturministerium und Botschaft ihre ganz individuellen Tipps und Vorschläge für Erlebnisse und Entdeckungen in der dänischen Hauptstadt verraten. Mitten im Herzen des klassischen Kopenhagen zwischen Schlossinsel Slotsholmen mit Schloss Christiansborg hier und wenigen Schritten zum Wohnsitz von Königin Margrethe II., dem Schloss Amalienborg, dort, erscheint Holtens Arbeitsplatz dafür mehr als prädestiniert. „Dabei ist das klassische Kopenhagen gar nicht so klassisch“, findet Holten. „Die Stadt hat mit viel Weitblick in neue Gebäude beziehungsweise Räume investiert und dadurch fantastische und sehr moderne Arbeitsbedingungen für die Kunst geschaffen. Die neue Oper, das Schauspielhaus, aber auch das Konzerthaus des dänischen Rundfunks DR in der Ørestad oder der Erweiterungsbau zum Staatlichen Museum für Kunst verankern Kopenhagen als moderne Metropole und kulturelles Zentrum Nordeuropas.“

 

Schönheiten im Minutenabstand

Was Holten nach seiner Rückkehr aus London am meisten schätzt, ist die überschaubare Größe von Kopenhagen. „Viele Schönheiten liegen hier am Øresund nur wenige Minuten voneinander entfernt“, so der Theatermacher. „Und diese Nähe gilt für die tollen Restaurants wie Noma oder Geraniums, die unser Land in den letzten Jahren so bekannt gemacht haben, genauso wie für viele oft übersehene Perlen.“ Dazu gehören für Kasper Holten insbesondere Arken, das Museum für moderne Kunst im Vorort Ishøj, das Theatermuseum im historischen Hoftheater von 1767 und die Sammlung Hirschsprung mit den Hauptwerken der berühmten Skagen-Maler um Anna und Michael Ancher sowie P.S. Krøyer. „Ich liebe aber auch die kleinen Oasen wie den Botanischen Garten mit dem denkmalgeschützten Palmenhaus und natürlich Kongens Have – den Park rund um Schloss Rosenborg, der mitten in Kopenhagen liegt“, ergänzt der Kulturchef. „Immer noch ein kleiner Geheimtipp ist auch der Garten der Königlichen Bibliothek nicht weit von unserem Parlament Folketing entfernt – wenn es im Sommer überall trubelig und voller Touristen ist, kann man dort Ruhe finden.“

Kasper Holten schätzt das große Kulturangebot seiner Heimatstadt Kopenhagen. Foto: Christoph Schumann, 2020
Kasper Holten schätzt das große Kulturangebot seiner Heimatstadt Kopenhagen. Foto: Christoph Schumann, 2020

Kopenhagen sei auch heute noch auf eine bescheidene Art „funky“, findet Holten. Nicht so groß und vor allem nicht so teuer wie andere Städteziele wie London oder Paris. „Auch mit Kindern lassen sich viele Erlebnisse machen, ohne dass es gleich das Budget sprengt. Mein Vorbild ist da immer das Wissenschaftserlebnismuseum Experimentarium in Hellerup, in dem man durch Spielen, Anfassen und Ausprobieren so viel lernt.“ Und wer das Kopenhagener Kulturleben in seiner ganzen Fülle kennenlernen wolle, der müsse im Oktober kommen: „Im Rahmen der Kulturnacht können Neugierige mit einem Ticket alle Museen, Bühnen und andere Kulturinstitutionen besuchen – eine intensivere Gelegenheit als diese gibt es nicht.“

 

"Wir müssen mehr in Kunst und Kultur investieren"

Nur stehenbleiben und zu zufrieden werden dürften Kopenhagen und Dänemark ebensowenig wie die anderen europäischen Länder nicht, so Holten: „Als Gesellschaft sollten wir mehr in Kunst und Kultur investieren. Sie ist nicht nur Beiwerk, Genuss und schön, sondern der Kern unseres Wohlfahrtsstaates. Und um diesen müssen wir uns gerade in Zeiten wie diesen stärker kümmern, um ihn zu erhalten.“

Auch Dänemarks größter Dichter ist natürlich am Königlichen Theater verewigt: Hans Christian Andersen. Foto: Christoph Schumann, 2020
Auch Dänemarks größter Dichter ist natürlich am Königlichen Theater verewigt: Hans Christian Andersen. Foto: Christoph Schumann, 2020