Mit Muße im Moor – unterwegs im deutsch-niederländischen Naturpark Moor-Veenland

Moorlandschaft im Emsland: Wollgras im renaturierten Bargerveen. Foto: C. Schumann
Moorlandschaft im Emsland: Wollgras im renaturierten Bargerveen. Foto: C. Schumann

Twist. Wenn Silke Hirndorf aus dem Fenster ihrer Wohnung im Pfarrhaus der Nazarethkirche in Twist schaut, blickt sie auf blühende Heide, Wacholder und einen kleinen Schutzstand für Schafe. Schon beim Aufwachen erinnert die Biologin ihr in mehrjähriger Arbeit angelegter Kulturhistorischer Heidegarten daran, wie die Landschaft im Emsland hier einst aussah. „Nicht nur hier“, weiß die Naturpädagogin, „sondern fast von Groningen im Norden bis in die Grafschaft Bentheim im Süden.“ Mit mehr als 200 Quadratkilometern war das riesige Bourtanger Moor an der Grenze zwischen Holland und Deutschland das größte zusammenhängende Moor Westeuropas.

Spannende und schaurige Geschichten spielten sich im feucht-kargen Landstrich zwischen den beiden Nachbarländern ab, die von Schmuggel und Weiderechten handeln. „Hochprozentiges, Kaffee oder Tabak wurde über die Grenze geschmuggelt“, erzählt Hirndorf über ihre Heimat, deren Besiedlung erst im 18. Jahrhundert begann. „Twist bedeutet Zwist, also Streit – und dabei ging es meist auch um die besten Futterplätze für die Tiere in der Moorkolonie.“ Auch der Grenzverlauf war lange unklar und umstritten, weil die arme Region im Emsland vor der Erschließung als menschenfeindlich und unfruchtbar galt. „Wo die Kultur aufhört, fängt Deutschland an“, hieß es in Holland knapp. Das änderte sich schlagartig mit der Trockenlegung der vor rund 10.000 Jahren nach der letzten Eiszeit entstandenen Hochmoore durch die Torfgräber, die die Feuchtgiete mit Kanälen trockenlegten und mit „Torfspaten, Sticker und Jaoger“ als Handwerkszeug ihr „Dagwark“ verrichteten und 15.000 Torfstücke abbauten, die zur Düngung oder zum Heizen dienten. Spätestens der industrielle Abbau im 20. Jahrhundert ließ von der ursprünglichen Landschaft nichts mehr übrig, erfahren Besucher im Emsland Moormuseum im nahen Groß Hesepe. „Doch zum Glück ist damit in gut zehn Jahren Schluss“, blickt die 46-jährige Hirndorf voraus. Dann endet der Torfabbau im Emsland endgültig.

 

Das Moor kommt zurück

Und das Moor erhält eine Chance, seine alte Vielfalt wiederzuerlangen. Wie diese aussehen wird, erleben wir rund zwanzig gemeinsame Radminuten später im Bargerveen: Das renaturierte Moor liegt im Herzen des Natuurparks Moor-Veenland, in dem seit 2006 als deutsch-holländisches Naturschutzgebiet nach Jahrzehnten des menschlichen Raubbaus sich Flora und Fauna auf 2500 Hektar wieder frei ansiedeln dürfen. „Mich fasziniert es immer noch zu sehen, wie mit dem Wasser auch die Natur zurückkommt“, freut sich Silke Hirndorf, die auch Naturpark-Botschafterin ist. Neue Dämme umschließen auf dem holländischen Teil das Amsterdamsche Veeld, auf das wir von einem Aussichtsturm blicken. „So kann sich das Regenwasser sammeln – zunächst siedelt sich Wollgras an, das im Frühjahr flauschig-weiß wirkt. Dann kommen Torfmoose. Und ganz langsam regeneriert sich das Moor wieder.“ Ein Prozess, der einige Jahrzehnt dauert. Hirndorf liebt alle Jahreszeiten im Moor: „Im Frühjahr blüht es, im Sommer sind nur wenige Vögel da. Und im Herbst machen zehntausende Zugvögel hier Rast, vor allem Gänse. Aber sogar Raubvögel wie Fischadler und Rotmilan sind wieder heimisch“.

Auf der Weiterfahrt entlang der grünen Grenze stoppt Hirndorf immer wieder und weist uns besonders auf die zahlreichen Libellen hin. „Von den etwa vierzig Libellenarten in Deutschland leben zwei Drittel im Moor. Darum ist dieser Lebensraum so wichtig“, so Hirndorf, die fließend Holländisch spricht. Nach einer kulinarischen Pause im Garten des Theetuin d’Aole Pastorie, des früheren Pastorenhauses im holländischen Zwartemeer, bei einem Stück „Bargerveen Tufje“ – der Schokoladenkuchen gleicht einem Stück gestochenen Torfs – und einem Kaffee schließt unsere Runde ums Bargerveen im Venloopcentrum in Weiteveen. Als eines von acht Pforten zum Naturpark vermittelt es Besuchern in einer kleinen Ausstellung Hintergründe zu Vergangenheit und Zukunft des Ausflugziels. Darüber hinaus starten von hier ebenfalls Moorwanderungen mit Guide.

„Erhalten durch Aufessen“

Unser Moor-Tag schließt im Landgasthof Backers. Seit sechs Generationen ist das Restaurant in Twist-Bült, fast an der holländischen Grenze, schon in Familienbesitz. In den letzten fünfzehn Jahren hat Helmut Backers mit seiner Küche das Stammhaus seiner Frau weit über das Emsland hinaus bekannt gemacht. „Regional und saisonal habe ich schon immer gekocht“, fasst der gebürtige Dortmunder seine kreativen Künste zusammen, „doch erst mit dem Trend zum Slow Food kam der große Zuspruch.“ Backers Salat wächst im eigenen Gemüsegarten. Ebenso viele Kräuter und soweit wie möglich auch teils alte, fast vergessene Gemüsesorten wie Pastinaken oder die gelbe Mohrrübe. Wild bezieht Backers von Jägern aus der Nachbarschaft. Und selbst beim Schweinefleisch achtet der Fan des westfälischen Kochbuch-Klassikers von Henriette Davidis auf die Herkunft: „Das Schweinefleisch stammt vom Moormuseum, das auch einen Archhof für alte Haustierrassen betreibt.“ Es gelte, die alte Vielfalt zu bewahren, so Backers: „Und erhalten können wir nur durch Aufessen“.

 

Reiseinformation

Der grenzüberschreitende Natuurpark Moor-Veenland liegt in Niedersachsen westlich von Meppen an der deutsch-niederländischen Grenze. Am nächsten kommt man der Natur- und Kulturlandschaft mit dem Rad oder zu Fuß. Insgesamt gibt es im Naturpark rund 500 km Rad- und 70 km Wanderwege für kürzere oder längere (Tages-)Touren. Aussichtstürme und –plattformen, interaktive Infostationen sowie mehrere Erlebnispfade vermitteln Einblicke in Tier- und Pflanzenwelt, die Geschichte des Torfabbaus sowie zur Renaturierung. Fahrräder können bei mehreren Verleihern vor Ort gemietet werden, z.B. beim Hase-Ems-Radverleih in Meppen. Alle Informationen dazu sowie zu geführten Touren mit Naturguide auf der Webseite des Natuurpark Moor-Veenland unter www.naturpark-moor.de.

 

Das Emsland ist als einstige Moorlandschaft flach und deshalb ideal zum Radfahren. Das rund 3.500 km lange Radwegenetz zwischen Rheine im Süden und Papenburg im Norden hat eine „Flachland-Garantie“. Informationen zur Region auf www.emsland.com