
KULTUR Fotografie Hamburg (cs) Blicke erklären oft mehr als lange Beobachtungen. Ausschnitte oft mehr als weite Perspektiven. „Truth – Wahrheit“, sagt der Fotograf Philip Montgomery, „das ist mein Zugang auf Situationen, über die ich berichten und die ich festhalten möchte.“ Der 1988 geborerne mexikanisch-amerikanische Fotograf sieht sich damit in einer Reihe großer Vorgänger bis zurück in die 1930er und 40er Jahre, darunter Walker Evans, Robert Frank, Dorthea Lange oder Ansel Adams. Wobei groß relativ ist: Der in New York lebende Montgomery zählt selbst bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zu den Größen seiner Zunft. Montgomery arbeitet regelmäßig für das New York Times Magazine oder für Magazine wie Vanity Fair oder The New Yorker.
Die USA – großformatig, digital und schwarz-weiß
Jetzt widmen sich die Deichtorhallen in Hamburg als Museum mit einem Schwerpunkt auf internationaler Fotografie erstmals in Deutschland ausführlich dem Werk Montgomerys: 110 teils großformatige Fotografien laden Besucher unter dem Titel „American Cycles“ im nur zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof der Hansestadt entfernten provisorischen Ausstellungscontainer „PHOXXI“ – die historischen Hallen werden noch bis Sommer 2027 renoivert – in fünf Kapiteln ein, die Arbeiten des mehrfach ausgezeichneten Fotokünstlers zu entdecken. So unterschiedlich Fotos und Dargestelltes ist, so durchgängig ist Montgomerys Ansatz: der Kreative liefert Betrachtern ein unvoreingeommenes, direktes Biild der amerikanischen Gesellschaft und seiner Menschen. Beginnend mit dem Ende der Amtszeit von Präsident Barack Obama 2014 bis heute zeigen die digitalen Pigmentdrucke die Realität(en) des amerikanischen Alltags und Lebens – einerseits zurückhaltend-neutral, in ihrer gewollten Ästhetik oft aber auch erschreckend schön und einnehmend. Alle Fotos der Ausstellung sind monochrom: „Ich fotografiere aber immer auch farbig“, sagt Montgomery auf Nachfrage, „in Schwarz-weiß wird der Blick des Betrachters meiner Meinung nach aber durch das Licht der Aufnahmen stärker auf das Zentrum des Motivs gelenkt.“ Darüber hinaus unterstreicht Montgomery auch mit seiner Entscheidung für das traditionelle Schwarz und Weiß seiner Werke den Bezug zu seinen Vorbildern abermals.

Vom Stahltarbeiter in Wisconsin (2015 für dsa New York Times Magazine entstanden) über Protestierende nach dem Mord an George Floyd (2020), von Blicken in die New Yorker Börse bis hin zum Tod während der Coronapademie (2020) geht Montgomery der Frage nach: Wie können Menschen weiterhin solidarisch zusammenleben, die immer nur „Andere“ wahrnehmen? Als Fotoreporter und Künstler begleitet Montgomery die Anfänge von Donald Trumps erster populistischer Wahlkampagne bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung, er hält Naturkatastrophen und Klimawandel etwa bei den Überflutungen durch den Hurrikan Harvey in Texas 2017 fest (eines der zentralen Fotos der Schau: ein teurer Flügel im knietief unter Wasser stehenden Wohnraum eines Hauses) über Wirtschaftskrisen und deren Folge für die Betroffenen. Beispielhaft dafür die Streikenden in Detroit, dem früheren Herzen der amerikanischen Autoindustrie 2023.
Von rechts bis links – Blicke auf die Brüche der Gesellschaft
Wie dramatisch sich die Konflikte in der nordamerikanischen Gegenwart verdichten, belegen auch Montgomerys Aufnahmen von Opioid-Betroffenen oder Mutter mit ihrem Baby, die nach einer Razzia der Einwanderungsbehörde ihren neun Monate alten Sohn ihm Arm hält, während ihr Ehemann als Folge der restriktiven „Null Toleranz“-Politik unter Donald Trump festgenommen wird (2025). Insofern ist der Ansatz der Ausstellungsmacher, nicht chronologisch, sondern thematisch zu erzählen, gut gewählt: „American Cycles“ betont einerseits die zeitgenössisch-aktuellen Dimensionen und Eruptionen, die Montgomerys Fotografien zeigen, ob ultrarechte Trump-Anhänger oder unterdrückte, wortlose Betroffene. Auf der anderen Seite macht die Werkschau genau dadurch ihre zeitlose Perspektive deutlich – um Richtig und Falsch, Lüge und Wahrscheit wurde in den USA, aber nicht nur dort, immer schon gestritten. Nur scheinen die phyischen, gewaltsamen Dimensionen ebenso wie ihre psychologischen Auswirkungen heute stärker als früher. Auch das können viele der Aufnahmen von Philip Montgomery zeigen. Sie lohnen den Weg nach Hamburg.

TIPP: Die Ausstellung „American Cycles“
Die Ausstellung „American Cycles“ im PHOXXI. Haus der Photographie temporär des Museums Deichtorhallen in Hamburg zeigt vom 28. November 2025 bis 10. Mai 2026 rund 110 Arbeiten
des amerikansichen Fotografen Philip Montgomery. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Eintritt 9 Euro, bis 18 Jahre und jeden 1. Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr
frei.
Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstr. 1–2, 20095 Hamburg, www.deichtorhallen.de
Copyright Text und Foto: Christoph Schumann, Hamburg, November 2025; Quelle auch: PM Deichtorhallen
