Ildikó von Kürthy "Alt genug": Wenn das Leben voller Pfützen ist

LITERATUR Hamburg (cs). Hamburg taut an diesem Vormittag Mitte Januar. Der Weg zum Café im Stadtteil Hoheluft-Ost, in dem ich mit Ildikó von Kürthy verabredet bin, wird zu einem Hindernislauf zwischen Schneehaufen voller Streusalz und Granulat, kleinen Wasserlachen und Pfützen, zwischen denen spiegelglatte Eisflächen das Gehen fast unmöglich machen. Straßen lassen sich im angesagten Wohnquartier dank tiefer Fahrrillen der Autos meist nur mit gewagten Sprüngen überqueren. Ein wenig erinnert der winterliche Zustand der Elbmetropole an einen sommerlichen Festivalbesuch, den die Bestsellerautorin in ihrem neuen Buch „Alt genug“ beschreibt: „Wir waren lange bis zur Bühne unterwegs. Es regnete. Wie bereits erwähnt. In Strömen. Der riesenhafte Acker, auf dem sich die ›Louder‹-Bühne befand, hatte sich in eine unberechenbare, dunkelbraune Matschlandschaft verwandelt. Du konntest dir nie sicher sein, ob die Pfütze, in die du gerade trittst, nur zwei oder womöglich doch zehn oder womöglich dreißig Zentimeter tief ist.“ Ein Gespräch übers Älterwerden, die Kraft der Lebensmitte, Erlebnisse, die noch kommen, und Mut zu Neuem.

Frau von Kürthy, Millionen Leserinnen und Leser kennen Ihre meist heiteren, humvorvollen Romane mit schlagfertigen, lebensklugen Personen. Ihr neues Buch ist völlig anders.

„Alt genug“ ist vor allem eines: ein offenes Buch. Ich bin jetzt alt genug, um ehrlich Bilanz zu ziehen. Über das, was ich erreicht habe, das was misslungen ist und das, was noch kommen soll. Dieses Buch ist wie eine Freundin. Eine, die auch älter wird, eine, die auch Angst hat aber eine die, die dir immer auch das Gefühl gibt: Du bist nicht allein.

 

Was macht das neue Werk denn so anders als Ihre früheren Bücher?

In meinen Romanen spielten die Figuren die Hauptrollen. Jetzt bin ich meine Hauptdarstellerin. Ich investiere nicht mehr in meine Fassade, in den mehr oder weniger schönen Schein, sondern ich zeige mich, wie ich bin. Dieser Schritt war nicht einfach – und hat letztlich 57 Jahre gedauert. Und ich bin jetzt so frei wie nie zuvor.

 

Ihr Buch beginnt mit der Einsicht, die Lebensmitte sei überschritten. Mit Gewinnen, aber auch Verlusten. Nun aber wagten Sie eine „Reise ohne Landkarte, ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang“. Was meinen Sie damit?

Nun, man kann tatsächlich die Lebensmitte überschreiten, und trotzdem weiter das Abenteuer suchen. Wobei Abenteuer für mich eigentlich ein viel zu großes Wort ist. Mich plagen viele Ängste und ich bin dem Abenteuer eigentlich immer sehr gerne aus dem Weg gegangen.

Und doch steckt „Alt genug“ voll neuer Impulse. Als ich „Alt genug“ zu schreiben begann, bemerkte ich, dass ich noch nicht ganz alt genug für dieses Buch war. Es fehlte noch einiges an Herausforderungen und Erlebnissen, und so habe ich diesem Buch eine Lebensphase zu verdanken, voller Wagnisse, wie ich sie sonst niemals erlebt hätte.

 

Was zum Beispiel?

Vom Eisbaden über erste Laufsteg-Erfahrungen bis hin zum Improvisationstheater in New York, wo ich eine Bettpfanne mit Heimweh spielte. Ich war auch beim Festival in Wacken. Es war laut, matschig, voll und wirklich nicht immer lustig. Und dann habe ich mich auch noch in einem, von mir unbeobachteten Moment, bei „Germanys Next Topmodel“ als „Best Ager“-Model beworben. Das lag wirklich deutlich jenseits meiner Komfortzone. Ich war beim Casting in Köln und ich wurde tatsächlich genommen. Aber das war dann nicht mehr mit meinem doch recht gut gefüllten Leben vereinbar.

Die Hamburger Autorin Ildikó von Kürthy hat ein neues Buch geschrieben, "Alt genug". Foto: Verlag/Julia Sellmann/PR
Die Hamburger Autorin Ildikó von Kürthy hat ein neues Buch geschrieben, "Alt genug". Foto: Verlag/Julia Sellmann/PR

Wann haben Sie Ihre Vorhaben, die das neue Buch sammelt, denn realisiert?
Das ganze letzte Jahr war eine einzige, sehr anstrengende Tour jenseits meiner Komfortzone. Zwischen Erlebnissen und Buch liegen nur wenige Monate. Und oft genug bin ich in dieser Zeit über meine Grenzen gegangen und auch daran gescheitert. Immer wieder. Ich habe es nicht geschafft, über die Brooklyn Bridge zu gehen. Meine Höhenangst war zu stark. Beim Eisbaden war ich die erste, die nach wenigen Sekunden schreiend aus der Wanne sprang. Vor einem Tunnel bei Erfurt hatte ich so viel Angst, dass ich mich geweigert habe, durchzufahren, und die Autobahn kurzfristig gesperrt werden musste, damit ich wenden konnte. Aber es war wichtig, mich meinen Ängsten zu stellen, unter denen ich seit Jahrzehnten leide. Ich wollte mutiger, konfrontativer sein. Genauso wie ich Mut gebraucht habe, das neue Buch zu schreiben. Meine Offenheit bekommt mir gut. Und sie bekommt auch meinen Freundinnen und Freunden gut, die sich im Buch wiederfinden. Wer Ängste und Scheitern zugibt, ist weniger allein. Je mehr ich von meiner Rüstung ablege, desto unverletzlicher werde ich.

Das klingt fast, als möchten Sie Vorbild sein.
Nein, ich will kein Vorbild sein und bin auch keines. Sehr vieles an mir ist nicht vorbildlich. Aber ich finde, dass wir in der Öffentlichkeit mehr Menschen brauchen, die zugeben, dass sie scheitern. Dass sie aufgeben und verzweifeln. Ja, man darf aufgeben. Ich mag Menschen, die an sich selbst zweifeln. Immer wieder. Man kann nicht reifen, wenn man sich nicht immer wieder infrage stellt, überdenkt und daran wächst. Ich habe immer viel an mir gearbeitet. Und das meiste, was ich erreicht habe, habe ich durch Überwindung erreicht. Während mein Vater mit seiner markanten Stimme sagte: „Angst ist dazu da, überwunden zu werden“, habe ich mir lange regelmäßig gesagt: „Ich lass es lieber“. Ich habe lange gebraucht, um, auch mit psychologischer Hilfe, einzusehen, dass Angst zu haben, keinen Makel bedeutet. Und dass Angst auszuhalten eine bewundernswerte Sache ist. Heute weiß ich, dass ich ein mutiger Mensch bin.

 

Gibt es da Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Ob Frauen ängstlicher sind als Männer? Keine Ahnung. Ich finde, dass Frauen ganz schön viel aushalten müssen. Körperlich. Mental. Wir kriegen unsere Tage, viele von uns kriegen Kinder, alle von uns kommen die Wechseljahre. Und in der Zeit können Männer Karriere machen und so viele Falten bekommen, wie sie wollen, ohne deswegen entwertet zu werden. Wir aber, wir sollen so lange wie möglich äußerlich jung bleiben. Wir sollen uns der Zeit in den Weg stellen. Man soll nicht sehen, dass wir alt sind. Und innerlich müssen wir natürlich auch jung bleiben. Was für ein Quatsch! Als ich jung war, war ich völlig bescheuert, unreif und unerfahren. Wie sollte es auch anders sein? Ich will wacker, welken und fröhlich reifen, ich will in den Spiegel sehen und darin erkennen, wer ich bin und woher ich komme. Ich will meinen äußeren Verschumpelungen eine innere Gelassenheit entgegensetzen. Ich will in den Spiegel sehen und sagen: Die Alte da, die gefällt mir!

 

War es Ihnen deshalb ein Anliegen, dieses Buch genau so zu schreiben?

Ich wünsche mir, dass ›Alt genug‹ in wohlwollende Hände gelangt und mit Freundlichkeit gelesen wird. Wir kennen doch alle die Verluste und die Schmerzen, die das Älterwerden mit sich bringt. Aber im Idealfall befähigt einem das Alter eben auch dazu, das Alter zu ertragen. Und mehr als das. Ich würde sagen, dass ich jetzt glücklicher bin, als je zuvor. Und zwar aus dem Grund, weil ich präziser wahrnehme. Weil ich Glücksmomente nicht unbemerkt verstreichen lasse und weil ich mich jetzt, in diesem Moment, schon auf heute Abend freue, wenn ich ins Bett gehe, mit einem guten Buch in den Händen und einem dicken Kissen im Rücken.

 

„Alt genug“ – das Buch und die Show

Das neue Buch von Ildikó von Kürthy erscheint unter dem Titel „Alt genug“ am 26. Februar im Ullstein Verlag, Berlin. 272 Seiten kosten 22,99 Euro. Das E-Book ist für 18,99 Euro erhältlich. Ildikó von Kürthy ist Journalistin zählt zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. Die im Rheinland geborene Autorin lebt seit Jahrzehnten mit ihrer Familie in Hamburg. Kürthys Bücher sind regelmäßige Bestseller, wurden mehr als sieben Millionen Mal verkauft und in 21 Sprachen übersetzt. Neben ihrem literarischen Engagement ist Kürthy unter anderem Gastgeberin des Podcasts Frauenstimmen, auf Facebook und Instagram unterwegs und steht mit einer eigenen Show mit Freunden und Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne. Mit ihrem neuen Buch wird Kürthy deshalb nicht auf eine typische Lesereise gehen, sondern mit der Show „Alt genug – Wacker welken, fröhlich reifen.“ ab dem Frühjahr unterwegs sein. Unter den bisherigen Terminen sind in Norddeutschland Kiel (20.9.26), Stade (16.12.26) und Hamburg (18.5.26). Neuigkeiten und aktuelle Tourdaten auf www.ildikovonkuerthy.de

 

Copyright Interview und Text: Christoph Schumann, Hamburg, 2026