Zwischen Main und Steillagen – unterwegs im unterfränkischen Churfranken

Blick auf das herbstliche Miltenberg und den Main. Foto: Christoph Schumann, 2025
Blick auf das herbstliche Miltenberg und den Main. Foto: Christoph Schumann, 2025

REPORTAGE Churfranken/Miltenberg (cs). Miltenberg ist rot. Nicht etwa, weil das 9000-Einwohner-Städtchen im Nordwestzipfel von Bayern einen sozialdemokratischen Bürgermeister hätte. Ganz im Gegenteil. Sondern weil der historische Ort am Untermain geprägt ist von einem Baustoff, der über Jahrhunderte hier und überall in der Region abgebaut und verarbeitet wrude: der rote Buntsandstein. Vor dem neuen Rathaus am Engelplatz sind wir mit Dorothea Zöller verabredet. Die geborene Miltenbergerin ist nicht nur Förderlehrerin, die Mittsechzigerin ist auch ein sprachgewaltige Chronistin ihrer Heimatstadt. Nur wenige Meter sind es auf unserem Gang durch die Hauptstraße, bis wir das bekannteste Gebäude der Stadt erreichen, den bunten „Riesen“: „Das Fachwerkhaus gilt als ältestes Gasthaus Deutschlands“, sagt Dorthea Zöller. Erstmals erwähnt 1411, logierten hier am wichtigen Handelsweg von Nürnberg nach Frankfurt/M. jahrhundertelang Fürsten und andere Durchreisende. Noch heute ist der „Riesen“ Hotel und Restaurant, in dem man regionale Spezialitäten auf der Karte findet.

Miltenbergs gute Stube: Deutschlands ältester Gasthof "Zum Riesen" an der Hauptstraße. Foto: Christoph Schumann, 2025
Miltenbergs gute Stube: Deutschlands ältester Gasthof "Zum Riesen" an der Hauptstraße. Foto: Christoph Schumann, 2025

Fachwerk und Rotsandstein: In Miltenbergs Altstadt

Vorbei an prächtigen Fachwerkhäusern erreichen wir wenig später das Alte Rathaus von Miltenberg (13. Jh.): Errichtet aus massivem Sandstein, leuchetet das Gebäude von 1379 rot über uns. Früher Stadtwaage, dann Kauf- und Lagerhaus ist der repräsentative Bau heute Kultur- und Veranstaltungsort. Während wir weiter Richtung Marktplatz, dem „Schnatterloch“ gehen, erzählt Dorothea Zöller nicht nur von touristischen Sehenswürdigkeiten – sie erzählt von Menschen. „Sehen Sie dieses Haus dort?“, sagt sie und zeigt auf ein Fachwerkgebäude zur Rechten. „Es stammt von 1339, ist allerdings als 1333 beschriftet und das älteste unserer Stadt. Wer dort wohl alles gewohnt und gelebt hat!“Stattdessen: Erinnerung, Leben, Geschichte. Der Marktplatz taucht vor uns auf wie ein Märchen. Die engen Fachwerkgassen münden in den Platz, ein Brunnen mit barocker Sandsteinfigur zieht den Blick auf sich. Und allem thront die Mildenburg (heute ein lohnendes Kunstmuseum) mit ihrem roten Sandsteinturm, von dem man weite Blicke über Stadt, Main und Umland hat. Dieser Platz hat Seele. „Man sagt, es sei einer der schönsten Marktplätze Deutschlands“, so Dorothea. „Ich finde: Er ist einer der ehrlichsten. Kein Disneyland, keine Postkarten-Fassade. Alles echt. Etwas schief, krumm, aber authentisch und lebendig.“

Das Schwarzviertel ist im Winter oft ohne Sonne

Vorbei an der ebenfalls aus lokalem Buntsandstein errichteten Pfarrkirche folgen wir der Hauptstraße weiter ins Schwarzviertel von Miltenberg: „Seinen Namen hat es, weil der Greinberg über uns im Winter die Sonne kaum in die Gassen scheinen lässt“, weiß Dorothea Zöller. Der älteste Stadtteil von Miltenberg reicht bis zum Mainzer Tor – seine Häuser stehen teils im ehemaligen Sandsteinbruch, der wie viele in der Gegend schon den Römern Material lieferte. Unser Ziel ist die Brauerei Faust: Seit 365 Jahren wird im Familienbetrieb nach traditioneller Art und in offenen Gärbottichen typisch fränkisches Bier gebraut. „Und wie früher werden die derzeit 23 Sorten nur regional vermarktet und getrunken“, weiß Dorothea Zöller, die uns auf einer Führung mit Verkostung durchs Brauhaus begleitet. Zum Beispiel im „Zum Riesen“. Dunkel und kühl ist es in der „Schatzhöhle“ von Faust, dem alten Kühlkeller. Übrigens: Hier im Berg lagern auch einige Fässer Whisky aus der Destillerie St. Kilian im nahen Rüdenau – die erst vor wenigen Jahren gegründete Brennerei stellt Single Malt Whisky nach schottischem Vorbild in schottischen Anlagen her. Und wurde für ihre hochprozentigen Kreationen bereits mehrfach prämiert. Fans können die einstige Kleiderfabrik im Rahmen einer Führung kennenlernen, Tasting inklusive.

Flüssiges "Gold" in der Whiskydestillerie St. Kilian im kleinen Ort Rüdenau. Foto: Christoph Schumann, 2025
Flüssiges "Gold" in der Whiskydestillerie St. Kilian im kleinen Ort Rüdenau. Foto: Christoph Schumann, 2025

Wein- und Kulturregion Churfranken

Typischer als Whisky ist für Churfranken aber Wein, besonders der Rotwein. Häufige Sorten sind Spätburgunder und Portugieser. Aber auch Weißweine wie Müller-Thurgau, Silvaner und Riesling gedeihen hier. Der von schon Römern und mittelalterlichen Klöstern geliebte Tropfen erlebt nach Jahren in der Stille wieder eine Renaissance in Churfranken und dem Maintal. „Klassisch ist vor allem Spätburgunder, der das spezielle Klima und die Sandsteinböden ausmacht“, erzählt Anja Stritzinger. Die Winzerin betreibt ein Bioweingut im wenige Kilometer von Miltenberg entfernten Klingenberg und setzt in ihren Steillagen über dem Main auf höchste Qualität. Geprägt sind die oft steilen Weinberge in der Region von schmalen Buntsandsteinterrassen. Die roten Bauwerke stehen unter Denkmalschutz.

 

Fernwanderweg auf den Spuren des Rotweins

An Stritzingers Reben führt der wanderbare „Fränkische Rotwein Wanderweg“ vorbei, der über knapp achtzig Kilometer von Großwallstadt bis Bürgstadt reicht. Ein lohnendes Ziel: Der Weinort Bürgstadt ist nicht nur für seine privaten Winzergaststätten, die Häckerwirtschaften bekannt, sondern für eines der schönsten Gotteshäuser der Region: „Die Martinskapelle stammt aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts und ist damit eine der ältesten Kirchen in Franken“, erklärt uns Otto Reichert bei einer Besichtigung. Im Innern zeigt sich die kleine Kirche atemberaubend schön – und bunt: als „Armenbibel“ sind Szenen aus dem Alten und Neuen Testament in vierzig Medaillons von der Geburt Christi bis zur Auferststehung an den Wänden von einem unbekannten Künstler gemalt. Die sehenswerten Darstellungen stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind allein schon den Weg nach Bürgstadt wert. 

Im 19. Jahrhundert gab es tausende Steinbrüche

Apropos bunt: Wer mehr churfränkischen Buntsandstein und seiner Geschichte erfahren möchte, sollte unbedingt ins nahe Collenberg ahren. Als zentralem Ort am rund vierzig Kilometer langen „Buntsandstein Erlebnisweg“ zwischene Miltenberg und Faulbach informiert eine umfangreiche Ausstellung in der ehemaligen Marienkirche Interessierte über Abbau, Be- und Verarbeitung des einst zusammengefasst als „Miltenberger Sandstein“ vermarkteten populären Baumaterials. „Im 19. Jahrhundert arbeiteten in unserer Gegend tausende in den Steinbrüchen“, sagt Peter Mayer, einer der Initiatoren des Buntsandsteinprojekts. „Berühmt war auch die Kunst unserer Steinmetze“, so der gelernte Architekt. So leuchten noch heute beispielsweise der Mainzer Dom und zahlreiche Schlösser in Churfranken im Rot des vor Jahrmillionen zwischen Odenwald und Spesssart entstandenen Steins.

REISEINFORMATIONEN CHURFRANKEN

Nächstes Highlight in Miltenberg ist der Weihnachtsmarkt in der historischen Altstadt. An drei Adventswochenenden finden Reisende zwischen Altem Rathaus und dem Marktplatz „Schnatterloch“ mit seinen Fachwerkhäusern unterhalb der Burg Mildenburg kulinarische Angebote, Glühwein, Feuerzangenbowle & Co., Geschenkideen und Kunsthandwerk. Termine: 5. bis 7., 12. bis 14. und 19. bis 21. Dezember von 12 bzw. 14 bis 20 Uhr. Höhepunkt des Weihnachtsmarkts ist der „Himmliche Engelszauber-Umzug“ am 6. Dezember um 18 Uhr. www.miltenberg.info/weihnachtsmarkt

 

Auch Bürgstadt hat übrigens einen Weihnachtsmarkt: er findet am 20. und 21. Dezember statt.

 

Persönlicher Tipp: Im Miltenberger Stadtpark finden kleine und große Spielfreunde ein echtes Highlight – eine 200 Meter lange Holzkugelbahn. Auf dieser kann man in acht Abschnitten um die Wette murmeln. Die bunten Holzkugeln für den Spaß können im blauen Holzkugelautomaten im Stadtpark oder in der Touristinformation am Engelplatz für zurzeit 2 Euro gekauft werden.


Informationen und Tipps zu Veranstaltungen, Attraktionen, Wanderungen, Rad- und Mountainbiketouren, Übernachtungsmöglichkeiten u.a. in Miltenberg und der Region Churfranken gibt es bei Churfranken e.V., Mainstraße 83, 63897 Miltenberg, Tel.  09371 660 69 75, Fax. 660 69 79, www.churfranken.de 

 

Copyright Reportage und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg, November 2025

 

Sie möchten Rechte an einem Artikel oder Foto von mir erwerben? Dann kontaktieren Sie mich bitte hier.