Wo die Zeit echte (Handwerks-)Kunst ist – unterwegs in Genf und dem Schweizer Jura auf den Spuren der Uhren

Jede Uhr echte Handarbeit: individuelle Uhren von Uhrmacher Cedric Johner, Genf. Foto: Christoph Schumann, 2025
Jede Uhr echte Handarbeit: individuelle Uhren von Uhrmacher Cedric Johner, Genf. Foto: Christoph Schumann, 2025

REPORTAGE Genf (cs). Wenn Cédric Johner in seinem Atelier eine Uhr baut, braucht er vor allem eines: Zeit. Ein halbes Jahr. Ein Jahr. Manchmal sogar zwei Jahre dauert es, bis der Genfer Uhrmacher einen seiner Zeitmesser vollendet hat. „Vom ersten Entwurf über das einzelne Zahnrad bis hin zum Gehäuse fertige ich je nach Modell alle Einzelteile meiner Zeitmesser selbst“, sagt der 59-jährige Uhrmacher beim Besuch seiner Werkstatt, die in einem unscheinbaren Wohngebiet am Rand der Altstadt der zweitgrößten Stadt der Schweiz liegt. „Jede Armbanduhr von mir ist darum ein Unikat“, so der Familienvater weiter, „und mehr als zwölf im Jahr schaffe ich nicht.“ Trotz nicht regelmäßig zehn Stunden an Maschine, Werkbank und Feile. Und das nicht selten sogar an sechs Tagen in der Woche. Bewundert und vor allem begehrt sind Johners Uhren bei Kennern dennoch – oder gerade deshalb: Seine Uhren erzielen auf Auktionen manchmal hohe sechsstellige Preise. Die handschmeichelnden Stücke, an dessem typisch-ovalen Gehäuse Johner bis zu drei Tage feilt, sind aber auch „schon“ für niedrigere fünfstellige Summen erhältlich.

Echte Unikate – und nur zwölf Uhren im Jahr

Nach seiner Ausbildung zum Juwelier bei der Genfer Schmuck- und Uhrenmarke Chopard hat Johner sein Wissen durch eine Ausbildung an der Uhrmacherschule in Genf erweitert. Danach arbeitete er zunächst als Selbstständiger für mehrere große Uhrenhersteller, ehe er sich vor fast dreißig Jahren entschloss, seine eigene Marke zu gründen. Dahinter stand von Anfang an der Wunsch, einzigartige Uhren zu schaffen, die seine persönliche Vision von Design und Präzision widerspiegeln. „Ich baue Uhren für Menschen, nicht für Märkte“, sagt Johner mit einem Lächeln, während er mit einer Pinzette ein winziges Werk zusammensetzt. Die Stücke des Meisters, oft mit handgravierten Brücken und verspielten Formen, sind kleine Kunstwerke – jedes erzählt eine Geschichte von Geduld, Präzision und Charakter. Weil Cédric Johner keine großen Stückzahlen seiner Uhren baut, sind sie auch nur ausnahmsweise einmal bei Watchmaker United zu finden. Das Spezialgeschäft in der Rue Pierre Fatio unweit des Genfer Sees bietet seit zwei Jahren Uhrenfans Gelegenheit, fünfundzwanzig unabhängige Uhrmacher und ihre Arbeiten unter einem Dach zu erleben – und natürlich auch zu kaufen. „Meine Vision ist es, kleinen, selbständigen Uhrmachern meiner Heimatstadt die Chance zur Netwerkbildung zu geben und den Austausch von Ideen zu fördern“, sagt Maximilien Roussel-Galle, selbst Uhren- und Kunstfreund und Gründer des Kollektivs Watchmaker United. Kein Wunder, dass  die Räume fast wie eine Galerie wirken.

Watchmaker United – ein Kollektiv selbständiger Uhrmacher

Watchmaker United und Macher wie Cédric Johner bilden einen bewussten Gegenpol zu den Großen der Schweizer Branche, die sich nach Krisenjahren und dem Erfolg der Quarzuhr in den 1970er und 80ern wieder erholt haben. Wer durch die Rue du Rhône in der Genfer Altstadt flaniert, wandert durch ein Schaufenster der Weltelite: Patek Philippe, Vacheron Constantin, Rolex, Chopard, Roger Dubuis oder Franck Muller – sie alle haben hier ihre repräsentativen Boutiquen. Auch ihre Werke liegen traditionell in der 200.000-Einwohner-Stadt oder in einem Radius von rund einer Autostunde im Juragebirge. Zum Beispiel das Werk „Watchland“ von Franck Muller: Gestartet vom Namensgeber 1991 hat sich Franck Muller mit seinen besonders durch ihre Größe und extravagante Form bekannten Uhren zu einem weltweit bekannten Mittelständler gemausert. Rund 270 Modelle sind derzeit im Angebot. Etwa fünfzig Uhrmacher stellen aus einhundert und bis zu 1800 Einzelteilen zwischen 30.000 und 50.000 Armbanduhren im Jahr her – alle in Einzelarbeit, denn auch bei Franck Muller bleibt Uhrmacherei ein Handwerk. Werksbesichtigungen geben Besuchern Einblicke in jeden einzelnen Fertigungsschritt.

Die Blumenuhr am Genfer See ist ein Anziehungspunkt für viele Touristen. Foto: Geneva Tourism/PR
Die Blumenuhr am Genfer See ist ein Anziehungspunkt für viele Touristen. Foto: Geneva Tourism/PR

Genf – die "Wiege der Uhrmacherkunst"

Dass Genf als „Wiege der Uhrmacherkunst“ gilt, liegt vor allem an einem Mann, dessen Spuren man noch heute an vielen Stellen in der französischsprachigen Universitätsstadt begegnen kann: Johannes Calvin. Der protestantische Reformator (1509 – 1564) kam als Flüchtling in die Stadt, als der französische König die Protestanten verfolgen ließ. Calvin blieb für etwa 26 Jahre. Vieles wurde von ihm verboten: Bunte Kleider, Musik, Tanzen, Kartenspiele, sogar das das Tragen von Schmuck. Zu gleicher Zeit hatten viele französische Hugenotten Genf erreicht, unter ihnen auch zahlreiche Goldschmiede. Sie machten aus der Not eine Tugend und nutzten ihre Handwerksgeschick, um sich mit einer neuen Methode der Zeitmessung zu befassen und den Federantrieb zu nutzen – etwas, womit man bis dahin nur in Großbritannien experimentiert hatte. Das war selbst bei Calvin erlaubt, denn Uhren waren schliesslich kein Schmuck, sondern ein nützliches Objekt, um nicht zuletzt pünktlich zum Gottesdienst zu erscheinen. Während immer mehr Männer Taschenuhren in Hosen und Jacken trugen, schauten die Damen dezent auf Zeitmesser, die in Ketten, Armbändern oder gar in Ringen eingearbeitet waren. So baute sich die Genfer Uhrenindustrie über die Jahrhunderte hinweg ein gewichtiges Image aufgebaut und entwickelte eine Qualität, die noch heute weltweit einzigartig ist.

 

Beeindruckende Museen zu Uhren und ihrer Geschichte

Mehr zur Geschichte der Schweizer Uhrenkunst erzählen gleich mehrere Museen in und um Genf. Herausragende Exemplare der Entwicklung der Zeitmessung lassen beispielsweise im Patek Philippe Museum bestaunen. In der Rue des Vieux-Grenadiers versammelt das 2001 eröffnete Privatmuseum Museum 500 Jahre Uhrengeschichte – von den ersten tragbaren Uhren bis zu modernen Komplikationen, wie die mehr als dreißig Sonderfunktionen von Armbanduhren genannt werden. Darunter sind viele Protoypen, Chronografen, Taschen-, Armband- und andere Uhren ebenso wie kunstvolle Wertobjekten, echte Raritäten und Kostbarkeiten allerl Uhrenepochen seit dem Mittelalter. Rund eine Autostunde von Genf entfernt liegt das Vallée de Joux: Das Tal im Schweizer Jura entwickelte sich ab dem 18. Jahrhundert zu einer Hochburg der nationalen Uhrenindustrie. Fertigten anfangs Bauern in den Wintermonaten Uhren in Heimarbeit, entstanden daraus renommierte Uhrenwerke wie Audemars Piguet, Blancpain, Jaeger-LeCoultre oder Breguet sowie spezialisierte Zulieferer, etwa für feinmechanisches Werkzeug. In einer ehemaligen Uhrenfabrik im Dorf Le Sentier liegt das Museum „Espace Horlogers“ – eine beeindruckende Sammlung von Uhren(kunst)werken vom 15. Jahrhundert bis heute, darunter komplexe Uhrenwerke und sogenannte Minutenrepetitionen.

Reiseinformationen Genf

Reiseinformationen, Tipps zu Unterkünften, Führungen durch Werkstätten von Uhrmachern, Besuche im Watchmaking Experience Center und mehr bietet Geneva Tourism, Place de Cornavin 7, Postfach 1602, CH-1211 Genf, www.geneve.com

Allgemeine Reiseinfos zur Schweiz gibt es auf www.myswitzerland.com/de.

 

Einen guten Überblick über die Uhrenstadt Genf bietet auch der neu erschienene „Geneva Watchmaking Guide“. Auf 175 Seiten liefert der von Genf Tourismus und dem Branchenverband Fondation de La Haute Horlogerie (FHH) herausgegebene Stadtführer in franz. und engl. Sprache Hintergründe und Tipps zu Handwerkskunst, Trends, Routen auf den Spuren der Uhren, Werkstattporträts, Interviews u.v.m. Das Buch ist für 30 CHF in ausgewählten Buchhandlungen in Genf, bei Genf Tourismus oder online auf www.geneve.com erhältlich.

 

Öffnungszeiten etc. der Uhrenmuseen von Patek Philippe unter www.patek.com und Espace Horlogers Le Sentier https://espacehorloger.ch

 

Nächste Uhrenevents in Genf sind u.a. die internationale Uhren- und Schmuckmesse „Watch & Wonders“ vom 14. bis 20. April 2026 sowie die „Geneva Watch Days“ im September nächsten Jahres. Vier Tage lang öffnen alljährlich im Herbst zahlreiche Aussteller ihre Showrooms in der ganzen Stadt und zeigen ihre neuen Kollektionen. Dazu finden besondere Highlights und kostenlose Führungen zum Uhrenhandwerk statt.

 

 

 

Copyright Reportage und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg, November 2025

 

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