Von Hamburg in die Tropen und zurück – 125 Jahre Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg

 Institutsleiter Prof. Dr. Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut ist selbst Epidemologe. Foto: Christoph Schumann, 2025
Institutsleiter Prof. Dr. Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut ist selbst Epidemologe. Foto: Christoph Schumann, 2025

WISSENSCHAFT Hamburg (cs) Seinen letzten großen Auftritt hatte das Hamburger Tropeninstitut vor fünf Jahren. Damals gehörten der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) und die Infektologin und Ärztin Marylyn Addo, die am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und am BNITM arbeitet, zu den prominenten Gesichtern, die Herkunft und Gefahr von SARS-CoV-2 der Öffentlichkeit verständlich erklärten. „Als Experte wurde ich anfangs auch einige Male zu Corona befragt“, erinnert sich Jürgen May beim Gespräch mit unserer Zeitung im historischen Gebäude in Hamburg-St. Pauli. Zumal der SARS-Erreger am Tropeninstitut entdeckt wurde. Man habe sich dann aber eher zurückgehalten, denn die Aufgabenverteilung hierzulande sei klar, so der Vorstandsvorsitzende des Instituts: „Unser Forschungsgebiet ist die Welt, sind die Entstehungs- und Herkunftsländer eines Virus. Sobald das Virus aber bei uns ist, liegt die Zuständigkeit beim Robert Koch-Institut in Berlin.“

Hilfe für Hamburgs Reeder

Deutschlands größtes Forschungsinstitut für globale Infektionen feiert im Herbst einen runden Geburtstag: Vor genau 125 Jahren wurde das BNITM gegründet. Seine Arbeit hängt zum einen eng mit der Cholera-Epidemie zusammen, die in Hamburg rund 9000 Todesopfer forderte. Vermutlich hatten Ratten das Bakterium über den Hafen eingeschleppt, das sich über das veraltete Trinkwassersystem ausbreitete. In der Folge modernisierte die Hansestadt ihr Gesundheitssystem neu und setzte unter anderem den Mediziner Bernhard Nocht, der beim Tuberkulose-Entdecker Robert Koch an der Charité in Berlin gelernt hatte, als Hafenarzt ein. Darauf beschloss die Bürgerschaft die Umgestaltung des Seemannskrankenhauses und die Schaffung und 1900 die Schaffung des „Instituts für Schiffs- und Tropenkrankenheiten“, dem Vorgänger des heutigen Tropeninstituts. Denn zum anderen brachten die regelmäßig zwischen Hamburg und den Kolonien in Westafrika verkehrenden Schiffe mit ihren Besatzungen neue Krankheiten mit an die Elbe – fast die Hälfte der Seeleute litten allein an Malaria. Den Hilfe suchenden Reedern empfahlen die Ärzte um Nocht Chinineinnahme und Moskitonetze. Im Jahr 1900 gelang dem Hamburger Chemiker Gustav Giemsa dann der Nachweis, Malaria und andere Parasiten und Mikroorganismen im Blut nachweisbar zu machen. „Das war besonders ein Verdienst der neuen Techniken“, sagt Jürgen May, selbst Tropenmediziner und seit 2017 Professor für Epidemiologie, „denn unter dem Mikroskop konnte man bis dato unbekannte Details erstmals erkennen.“

Krankheiten wie Malaria könnten Geschichte sein – eigentlich

Krankheiten wie Malaria könnten deshalb heute fast Geschichte sein, so May. „Trotzdem stecken sich noch heute Jahr für Jahr 260 Millionen Menschen mit der gefährlichen Krankheit an. Und 600000 sterben nach einem Stich einer weiblichen Stechmücke – darunter vor allem Kinder unter fünf Jahren.“ Das müsste nicht sein, unterstreicht May. „Das Medikament ist ja da. Und in der Regel sind in den betroffenen Ländern der Tropen und Subtropen die Städte auch gut versorgt.“ Das Problem seien die Regionen auf dem Land: „Hier fehlen oft Ärzte. Und Tabletten kommen oft zu zu den Kranken spät.“ Hinzu kommt ein Phänomen, das May und seine Kollegen zunehmend beunruhigt: „Die Skepsis gegenüber Medikamenten und Impfungen wächst weltweit. An Masern sterben jährlich bis zu 150000 Patienten, obwohl genug Impfstoff da ist. Auch Polio könnte wie die Pocken längst ausgerottet sein, ist es aber nicht.“ Hier wolle das BNITM zukünftig verstärkt forschen: „Was bringt Menschen dazu, etwas zu tun oder eben nicht? Welche psychologischen oder kulturellen Aspekte kommen ins Spiel, eine sehr gut wirksame Impfung abzulehnen? Dass Menschen nicht immer das scheinbar Vernünftige tun, sehen wir nicht nur in Ländern des Südens – wir haben es bei Corona ja auch bei uns gesehen.“

Der Klimawandel und die tropischen Krankheiten

Zunehmend beschäftigt auch der Klimawandel das Tropeninstitut. Besser gesagt: seine auch in Europa erkennbaren Folgen. „Immer mehr von Mücken übertragene Krankheiten breiten sich in Regionen aus, in denen sie nicht vorkamen“, sagt Jürgen May. Da sei zum Beispiel das West-Nil-Virus, das mittlerweile in Sachsen, Berlin oder Brandenburg zuhause sei. Überträger wie die Tigermücke kämen heute nicht mehr überwiegend auf dem Schiffsweg zu uns, sondern auch per Lkw über die Landstraße oder per Flugzeug – dank globaler Mobilität von Geschäfts- und Urlaubsreisenden. Auch andere Infektionen wie Denguefieber oder Zikaviren können in Deutschland übertragen werden, so der 60-jährige Forscher: „Diese Gabelschwanzlarven kommen selbst in Schleswig-Holstein vor, etwa im Plöner See. Wer badet, kann juckenden Hautausschlag oder Rötungen erleben. Sensiblere Menschen bekommen auch Fieber.“ Um Symptome wie diese und schwerere Auswirkungen zu vermeiden, arbeite das Tropeninstitut heute wie in seinen Anfängen schwerpunktmäßig daran, Krankheiten zu verhindern und Gesundheit zu erhalten, so May. Mehr als 400 Mitarbeiter des BNITM forschen darum teils in den Hochsicherheitslaboren in Hamburg, oft aber auch vor Ort oder mit Forschungspartnern in Afrika, Asien und Lateinamerika an Erregern wie Malaria, sogenannten hämorrhagischen Fieberviren wie Lassa, Ebola, Gelbfieber oder Marburg. Zusammen mit dem Gesundheitsministerium in Ghana und der Universität von Kumasi betreibt das BNITM beispielsweise ein modernes Forschungs- und Ausbildungszentrum im westafrikanischen Regenwald. Es steht auch anderen Arbeitsgruppen offen. Auch armutsbedingten und vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTDs) stehen übrigens im Fokus der Aufmerksamkeit. May: „Nur gemeinsam können wir Epidemien verhindern und bekämpfen.“

Was bleibt ist eine "große Evidenz"

Weil das Institut in den vergangenen fünf Jahren um fast fünfzig Prozent gewachsen ist, spricht das Tropeninstitut derzeit intensiv mit seiner Heimatstadt Hamburg über eine Sanierung des rund 110 Jahre alten Hauptgebäudes an der Bernhard-Nocht-Straße. Und über einen Neubau des Labors. Auch eine Umbenennung des Instituts wird seit einigen Jahren diskutiert. Zwar kommt ein Gutachten zum Namensgeber, das Institutsleiter Jürgen May nach seinem Amtsantritt beim kürzlich verstorbenen Historiker Thomas Großbölting in Auftrag gegeben hatte, zu dem Schluss, dass Bernhard Nocht (1857–1945) zwar von seiner Arbeit als Kolonialarzt wissenschaftlich profitiert habe und zur Infektionseindämmung auch für die Trennung von „Rassen“ etwa in der Kolonialstadt Daressalam stark gemacht habe. Versuche an Menschen, gar gegen deren Willen, habe Nocht aber anders als viele seiner Zeitgenossen nicht unternommen. Und in hohem Alter sei er zwar nicht Mitglied der NSDAP gewesen, habe aber zahlreiche Ehrungen angenommen und sich von den Nationalsozialisten als Prominenter gern in Dienst nehmen lassen. Es bleibe eine „große Ambivalenz“, so das Fazit des Gutachtens. Andere Geschichtswissenschaftler sind in ihrem Urteil deutlicher und nennen Nocht einen Rassisten. Ob das Tropeninstitut also an seinem 250. Geburtstag noch den Namen Nocht trägt, scheint eher fraglich.

 

 

Das BNITM in Kürze

Offizieller Geburtstag des BNITM war der 1. Oktober 1900 – damals nach es als „Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten“ die Arbeit auf. Heute sind im Institut am Hafen sowie in Räumen in der Science City in Hamburg-Bahrenfeld mehr als 400 Mitarbeiter an der Bekämpfung tropentypischer, armutsbedingter sowie neuer Infektionskrankheiten im Einsatz. Als nationales Referenzzentrum für den Nachweis aller tropischer Infektionserreger sowie Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das BNITM auch Teil der Leibniz-Gemeinschaft.

 

 

Stand meiner Reportage: Sommer 2025. Copyright: Text und Fotos (soweit nicht anders angegeben): Christoph Schumann, Hamburg, 2025

 

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Das Hochsicherheitslabor des Bernhard-Nocht-Instituts darf nur mit Schutzkleidung betreten werden. Foto: BNITM/PR
Das Hochsicherheitslabor des Bernhard-Nocht-Instituts darf nur mit Schutzkleidung betreten werden. Foto: BNITM/PR