Zwischen Kopie und Kopfschütteln – zu Besuch im Museum Plagiarius in Solingen

Im Museum Plagiarius: Beliebte Produkte werden natürlich besonders gern und oft kopiert – wie dieses Kinderfahrzeug aus heimischer Produktion. Foto: Christoph Schumann, 2025
Im Museum Plagiarius: Beliebte Produkte werden natürlich besonders gern und oft kopiert – wie dieses Kinderfahrzeug aus heimischer Produktion. Foto: Christoph Schumann, 2025

REPORTAGE Solingen (cs). Beim Betreten des Museums Plagiarius im Solinger Südpark begrüßt mich gleich an der Information ein schwarzer Gartenzwerg mit goldener Nase. „Das ist unser Preis“, erklärt mir Margit Germershausen schmunzelnd. „Der düstere Geselle symbolisiert die Gewinne, die Fälscher auf Kosten anderer machen“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin des deutschlandweit einmaligen Hauses. Ich grinse zurück – selten hat ein Gartenzwerg so viel Haltung gezeigt.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Genauer: von Doppelgänger zu Doppelgänger. Rund 350 Originale und ihre oft kaum zu erkennenden Kopien sind auf zwei Etagen im 2006 eröffneten Museum versammelt. Links das Original, rechts die Kopie. Ohne diese strenge Anordnung würden viele Besucher in den meisten Fällen kaum zwischen echt und plagiiert unterscheiden können. Hier ein edler Designerstuhl – und daneben ein wackliger Cousin, der vermutlich schon beim ersten Familienfest zusammenbrechen würde. Ein Schweizer Taschenmesser mit allen Funktionen – neben einem Plagiat, das aussieht, als würde es beim ersten Apfel einknicken. „Manche Plagiate sind so dreist, dass man fast Respekt haben könnte“, sagt Germershausen. Da ist etwa die orange-braune Küchenwaage aus den 1970er Jahren, die exakt wie das Original aussieht – bis auf winzige Nuancen im Markennamen. Oder die Kettensäge eines großen deutschen Markenherstellers neben ihrer Nachahmung aus Fernost (die meisten Fälschungen und Raubkopien der letzten Jahrzehnte stammen aus Asien, Ausnahmen bestätigen eher die Regel) – beide sind für Laien auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Wäre da nicht der kleine Dreher im Namensaufdruck: „Sthil“ heißt das Modell rechts, also das Plagiat. Ein „Tippfehler“, der Millionen Euro wert sein kann. Und gleichzeitig ein Sicherheitsrisiko für mögliche Benutzer, denn Prüfungen nach europäischen Standards haben die Billigkopien nicht durchlaufen. Rechtschreibung rettet da womöglich Leben.

Von Elektronik bis Salatschleuder und Picknickbesteck

Und das gilt nicht nur für die zahlreichen Elektronikartikel von der Steckdose bis zur Lampe, sondern besonders auch für Haushaltsartikel wie Salatschleudern oder Klappbesteck. Und noch viel mehr für Spielzeug. Ein Spielzeugauto, so erklärt mir Germershausen, sei im Original geprüft und kindersicher. „Die Kopie dagegen enthält gern Weichmacher oder kann splittern.“ Plötzlich ist mir nicht mehr nach Lachen zumute. Hier geht es nicht nur um Ideenklau, sondern um echte Gefahren. Ins Leben gerufen wurden der Negativpreis Plagiarius und das später daraus hervorgegangene Museum von Designer Rido Busse. Der Professor für Gestaltung war 1977 selbst von einer dreisten Fälschung betroffen und wollte auf die skrupellosen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten aufmerksam machen. Zum Schutz der Kreativwirtschaft – denn im Original stecken neben viel Zeit und Geld auch Fachwissen, Kreativität, Mut und eben garantierte Sicherheit. Plagiatoren dagegen kopieren plump und oft auf simple Weise erfolgreiche Produkte anderer und schmücken sich mit fremden Federn. Besonders beeindruckend sind die hunderte Fälschungen der bekannten „Tempo“-Taschentücher. Oder Dutzende Nachahmungen eines populären Klapp-Einkaufskorbs eines heimischen Unternehmens. Mag die Nutzung der Papierwaren noch ungefährlich sein, kann schon der Mechanismus der Tragehilfe beim Benutzen Fingerquetschungen bedeuten.

Original oder Fälschung? Im Museum Plagiarius werden Besucher auf die Probe gestellt. Foto: Christoph Schumann, 2025
Original oder Fälschung? Im Museum Plagiarius werden Besucher auf die Probe gestellt. Foto: Christoph Schumann, 2025

Nach einer Stunde verlasse ich das Museum. Irgendwo zwischen Schmunzeln und Nachdenken. Denn die Ausstellung hat zeigt: Plagiate sind nicht nur ärgerlich, sie können gefährlich sein. Beim nächsten Online-Angebot und vermeintlichen Schnäppchen sollte man besser zweimal hinschauen. werde ich jedenfalls zweimal hinschauen. Und an den Zwerg mit der goldenen Nase denken, der nun schon seit fünfzig Jahren alljährlich verliehen wird. Und nicht nur den Fälschern, sondern auch mir als Verbraucher streng ins Gewissen blickt.

 

HINTERGRUND: Der "Plagiarius" – von der Idee zum Preis für Dauerärger

Das „Fälschermuseum“

Das Museum Plagiarius in Solingen hat Freitag von 9.30 bis 13 sowie 13.30 bis 17 Uhr und Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro für Erwachsene, ermäßigt 3 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei. Führungen für Gruppen bis 30 Personen nach Anmeldung. Vom S-Bahnhof Solingen Mitte liegt das Haus nur wenige Schritte entfernt. Museum Plagiarius e.V., Bahnhofstraße 11, 42651 Solingen, www.museum-plagiarius.de

 

Der Fälscherpreis „Plagiarius“

Der „Plagiarius“ feiert Jubiläum: Anfang kommeden Jahres wird der Negativpreis bereits zum 50. Mal an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen verliehen. Zurzeit läuft die Bewerbungsrunde. Der „Plagiarius“ 2025 ging an die Kopien einer patenierten Front- und Seitengreifzange eines Wuppertaler Unternehmens, erhätlich u.a. in chinesischen Onlineshops. Platz zwei belegten Fälschungen des Fahrradkorbs „bikekasket“ einer bekannten deutschen Marke, die u.a. in Frankreich hergestellt wurden. Ziel der Aktion Plagiarius ist, die skrupellosen Geschäftsmethoden von Produkt- und Markenpiraten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und Industrie, Politik und Verbraucher für Schäden und Risiken zu sensibilisieren. Kernbotschaft: „Fälschungen bedeuten Job- und Umsatzverluste, Sicherheitsrisiken und Stillstand – das Original steht für Vielfalt und Zukunft“. Allein Jahr 2023 wurden an den EU-Außengrenzen und im EU-Binnenmarkt insgesamt mehr als 152 Millionen gefälschte Artikel mit einem geschätzten Wert von etwa 3,4 Milliarden Euro beschlagnahmt, so die Europäische Kommission und das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO). Das entspricht einem Anstieg in 2023 gegenüber 2022 von 77 Prozent bei der Anzahl der Waren (2022: 86 Mio. Euro) und einem Anstieg von 68 Prozent des geschätzten Gesamtwerts (2022: zwei Mrd. EUR). Und das sind nur die nachweislichen Aufgriffe von Zoll- und Polizeibehörden, die Dunkelziffer ist deutlich höher. www.plagiarius.com

 

Copyright Fotos und Text: Christoph Schumann, Oktober 2025

 

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