„Marktwert kommt nur durch Sichtbarkeit“ — vor 100 Jahren wurde in Hamburg wurde in Hamburg die GEDOK als Gemeinschaft der Künstlerinnenvereine gegründet

Sabine Rheinhold ist Vorsitzende der GEDOK in Hamburg. Foto PR/Willing-Holtz/GEDOK Hamburg
Sabine Rheinhold ist Vorsitzende der GEDOK in Hamburg. Foto PR/Willing-Holtz/GEDOK Hamburg

KUNST und GESELLSCHAFT Hamburg (cs). „Es ist und bleibt ein langer, zäher Weg.“ Wenn Sabine Rheinhold auf die Stellung von Künstlerinnen blickt, freut sich die Vorsitzende der Gedok in Hamburg zwar über erkennbare Fortschritte. „Doch die Werke und Fähigkeiten kreativer Frauen kommen erst allmählich ans Licht“, sagt die ehrenamtliche Kulturvermittlerin anlässlich der vor genau einhundert Jahren an der Elbe als „Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“ von Networkerin, Mäzenin, Frauenrechtlerin und -förderin Ida Dehmel (1870–1942) gegründeten Vereinigung. Rund siebentausend Mitgliederinnen hatte die Gedok vor dem Zweiten Weltkrieg, ehe sie von der nationalsozialistischen Kulturpolitik gleichgeschaltet und damit zerschlagen wurde: „Viele Malerinnen, Bildhauerinnen, Textilkünstlerinnen und andere begingen damals aus Angst Suizid – und gerieten in Vergessenheit, wenn sie denn überhaupt die Chance hatten, bekannt zu werden“, so Rheinhold. „Denn Frauen waren zwar in der Kunst immer da, aber sie waren nicht sichtbar wie ihre männlichen Kollegen. Dass begabte Frauen erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts an Kunstakademien studieren durften, während sie zuvor auf private „Damenakademien“ angewiesen waren, wirkt teils bis heute nach.

Die leise Radikale: Anita Rée


„Zu den vergessenen Künstlerinnen gehörte zum Beispiel Anita Rée“, so Sabine Rheinhold. Die Hamburger Malerin (1885–1933) war Mitbegründerin der Hamburger Sezession, wurde aber unmittelbar nach der Machtübernahme wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis ausgegrenzt. Nach Berufsverboten und der Zerstörung ihrer künstlerischen Existenz nahm sich Rée im Dezember 1933 das Leben. Erst vor etwa zehn Jahren wurde Rée dank einer großen Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle wiederentdeckt. Seitdem steht die Malerin für eine Moderne ohne Pathos. Rées Bildnisse und Figuren wirken gesammelt, oft isoliert, mit einer psychologischen Spannung, die nicht auf dramatische Gesten, sondern auf Zurückhaltung setzt. In den 1920er Jahren war Rée eine etablierte Hamburger Künstlerin, bevor ihre Karriere zerstört wurde. Heute gilt  Rées Werk als Schlüsselposition der Hamburger Moderne. Und ihre Bilder erscheinen erstaunlich zeitgenössisch — gerade wegen ihrer stillen Intensität.

Maetzel-Johannsen: Zwischen Expressionismus und Ruhe
Als Mitbegründerin der Hamburgischen Sezession gehörte auch die in Lensahn geborene Dorothea Maetzel-Johannsen (1886–1930) zu den progressiven Stimmen der Hansestadt. Ihre frühen Arbeiten sind vom Expressionismus geprägt, später entwickeln sich ihre Figuren zu ruhigeren, flächigen Kompositionen. Maetzel-Johannsens früher Tod führte dazu, dass ihr Werk lange im Schatten männlicher Kollegen stand. Inzwischen wird sie von Kennern als eigenständige Vermittlerin zwischen expressiver Farbigkeit und der sachlicheren Bildauffassung der 1920er Jahre gelesen.

Die übersehene Sezessionistin: Gretchen Wohlwill
Auch Gretchen Wohlwill (1878–1962) gehörte zur Hamburger Kunstszene der Moderne. Wohlwills Malerei bewegt sich von impressionistischen Anfängen zu klar strukturierten, ruhig komponierten Bildern. Nach 1933 verlor auch Wohlwill ihre berufliche Grundlage. Sie emigrierte später nach Portugal — ein Bruch, der ihre Rezeption jahrzehntelang unterbrach. Erst jüngere Ausstellungen zeigen nach Jahren im Vergessen, wie konsequent sie an einer reduzierten, konzentrierten Bildsprache arbeitete. Während Wohlwill  noch an der privaten Kunstschule bei Vaesca Röver studierte (s. Sonderkasten), entstand 1907 mit der Staatlichen Kunstgewerbeschule zu Hamburg – die Vorgängerin der heutigen Hochschule für Bildende Künste (HBFK) – eine erste öffentliche Institution, weil Frauen nicht an anderen Kunsthochschulen lernen durften. Die Ausstellung „Die Neue Frau“ an der HBFK belegte erst vor zwei Jahren, wie bedeutend viele der Künstlerinnen und Gestalterinnen waren, wie vielfältig die Wege der Moderne waren – und wie vergessen zahlreiche Avantgardistinnen bis heute bzw. heute sind.

Paula Modersohn-Becker, die frühe Pionierin
Zu Lebzeiten als Künstlerin unbeachtet, heute eine mit Ausstellungen weltweit gefeierte Malerin – die mit nur 31 Jahren früh verstorbene Paula Becker stand lange im großen Schatten ihres Mannes Otto Modersohn und anderer Größen der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Wie aus der als drittes von sieben Kindern am 8. Februar 1876 in Dresden geborenen Minna Hermine Paula „die“ Paula wurde, erzählt anlässlich ganz aktuell ihres 150. Geburtstags die sehenswerte Sonderausstellung „Becoming Paula“ im Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße in Bremen – schon ein Jahr nach ihrem Tod eröffnet, ist das Haus das erste einer Malerin gewidmete Museum weltweit. Rund 80 Gemälde, Zeichnungen und Papierarbeiten aus der eigenen Sammlung sowie seltene Leihgaben aus Privatbesitz geben zwar keinen grundlegend neuen, aber einen so wohl noch nie gebotenen kompakten Überblick über das außergewöhnliche Schaffen der Kreativen. Ausgebildet unter anderem in Berlin und London kam Paula Modersohn-Becker erst bei Aufenthalten in Paris 1900, 1903 und besonders 1905/06 als eigenständige Künstlerin zur Welt – sie trennt sich von ihrem Mann Otto „und gerät über Monate in ihrem kleine Atelier in einen echten Schaffensrausch“, sagt Matthias Jäger von den Museen Böttcherstraße. Paula malt Landschaften ihrer Wahlheimat Worpswede oder Menschenbilder von Modellen aus dem dortige Armenhaus, ihrer Schwester Herma, Martha Vogeler, dem Dichter Rainer Maria Rilke. Und sie malt: sich. Paula malt Porträts, aus denen sie heutige Besucher offen und fragend anblickt. Oder Akte, die in denen Selbstzweifel zu Eigenständigkeit werden. In nur zehn Jahren schuf Modersohn-Becker 700 Gemälde und 1000 Zeichnungen – die heute nicht selten Auktionsrekorde erzielen. Längst gilt sie über Norddeutschland hinaus als die vielleicht wichtigste Wegbereiterin der modernen Malerei in Deutschland, während Werke ihres Mannes Otto konservativ und verstaubt wirken.

Nur wenige Frauen können von Kunst leben
Damals wie heute haben Frauen, die professionell Kunst machen wollen, auf dem Markt einen schwereren Stand als Männer, so das Fazit von Sabine Rheinhold von der Gedok in Hamburg, die nach 1945 neu gegründet wurde und derzeit rund zweihundert Mitgliederinnen aller Sparten habe, von Malerei und Bildender Kunst bis Schauspielerei, Musik und mehr. Deutschlandweit gibt es dreiundzwanzig Gedok-Vereinigungen und einen Bundesverband. „Die Zahl der Frauen, die von ihrer künstlerischen Arbeit leben können, liegt schätzungsweise bei rund fünf Prozent“, weiß Rheinhold. Am ehesten seien dies Keramikerinnen oder Goldschmiedinnen. Für Musikerinnen sei Unterricht an Schulen oder Musikschulen sei normal. Ein fachfremder Brotberuf eher die Regel als die Ausnahme. Das sind deutlich weniger als der Durchschnitt von zwanzig Prozent, die laut einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler vom Herbst letzten Jahres ihr Einkommen allein aus künstlerischen Tätigkeiten generieren. „Schon Ausstellungsräume wie unsere hier in Hamburg-St. Georg finden Frauen oft nicht.“ Hinzu käme auch in der Kunst eine häufige Unvereinbarkeit von Beruf und Kindern und Familie. „Kunststipendien enden oft mit dreißig Jahren – wer Kinder kriegt, fällt oft aus dem Betrieb heraus“, bedauert die Ende des Jahres aus ihrem Ehrenamt scheidende Rheinhold. Jahrzehntelanger Frauenarbeit zum Trotz erzielten Werke von Künstlerinnen bis heute nicht die Preise ihrer männlichen Kollegen: „Alle haben gejubelt, als ein Gemälde von Frieda Kahlo im November für fast fünfundfünfzig Millionen Dollar versteigert wurde. Aber ein Leonardo da Vinci wurde schon für vierhundertfünfzig Millionen verkauft. Marktwert kommt allein durch Sichtbarkeit. Insofern haben Frauen immer noch viel zu tun“, fasst Rheinhold zusammen. 

Anita Rée: Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand. Hamburger Kunsthalle. Repro: Christoph Schumann, 2026
Anita Rée: Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand. Hamburger Kunsthalle. Repro: Christoph Schumann, 2026

Aktuelle Ausstellungen zum Thema und 100 Jahre GEDOK in Hamburg

Anlässlich ihre 100. Geburtstags veranstaltet die GEDOK Hamburg regelmäßig Konzerte, Lesungen, Ausstellungen etc. in ihrem Kunstforum in der Koppel 66/Lange Reihe 75, gedokhamburg.de.

Das Paula-Modersohn-Becker Museum in Bremen zeigt zum 150. Geburtstag der Malerin noch bis Mitte September die Schau „Becoming Paula – London Berlin Worpswede Paris“, Böttcherstr., www.museen-boettcherstrasse.de.

In Stade ist noch bis Ende Mai unter dem Titel „Wegbereiterinnen der Moderne“ ebenfalls eine Sonderausstellung zur Künstlerin Valesca Röver (1849–1931), zu entdecken, die 1891 in Hamburg eine Kunstschule für Frauen gründete; Kunsthaus Stade, Wasser West 7, www.museen-stade.de

 

Copyright Text und Idee: Christoph Schumann, Hamburg, 2026. Stand meiner Recherche: Februar/März 2026