
DÄNISCHE FORSCHUNG Aalborg (cs). Am späten Nachmittag herrscht zuhause wie üblich viel Trubel. Die Kinder sind in ihren Zimmern. Es geht auf achtzehn Uhr. Was heißt: Wir müssen uns beeilen, noch kochen, die Wäsche wegräumen und etwas aufräumen. Schließlich wollen wir noch etwas Zeit gemeinsam verbringen, ehe die Kleinen ins Bett gehen. So normal, so richtig. Oder etwa nicht? „Nicht unbedingt“, sagt Lene Tanggaard. Denn Kinder wachsen und entwickeln sich am besten, wenn sie selber mithelfen, wenn sie Verantwortung übernehmen und spüren, dass Erwachsene ihnen vertrauen und sie zu ihren Beiträgen ermutigen, so die Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität im norddänischen Aalborg. „Das stärkt das Wohlbefinden des Nachses. Sein Selbstwertgefühl und sein Zugehörigkeitsgefühl“, so die Expertin. Anders ausgedrückt: Die Entwicklung von Kindern findet vor allem in sozialen Kontexten statt – zum Beispiel, wenn sie beim Kochen mithelfen.
Lieber kochen als den Tisch decken
Eine Untersuchung der dänischen Stiftung Arla Foundation ergab kürzlich, dass immer weniger dänische Kinder beim Kochen helfen („Børn, Unge og Mad“, dt. Kinder, Jugendliche und Essen. 2025). Ihr Anteil ist seit 2020 um neun Prozentpunkte gesunken. Von denen, die beim Abendessen helfen, decken über sechzig Prozent den Tisch oder räumen auf. Fragt man die Kinder hingegen selbst, möchten sie lieber aber schon bei der Planung und Vorbereitung der gemeinsamen Zeit mitwirken statt lediglich „Hilfsdienste“ zu leisten. „Das muss nicht jeden Tag sein und sollte auch kein weiteres Leistungsprojekt werden. Eltern sollten sich damit auch nicht stressen, sondern die Kinder einbeziehen, wenn diese Lust dazu haben“, so die 53-jährige Tanggaard. „Kinder sollte man in ihrem eigenen Tempo machen lassen. Die Entwicklung von Kindern geschieht nicht durch Kontrolle, sondern indem sie sich in sinnvolle Gemeinschaften einbringen und erleben, dass ihr Beitrag zählt.“
Auch nasse Füße lernen
Viele Erwachsene – Eltern wie ausgebildete oder studierte Fachkräfte – investieren heute viel Energie in die Förderung der (früh-)kindlichen Entwicklung. Sie beobachten, dokumentieren und orientieren sich fortwährend am nächsten Entwicklungsschritt der Heranwachsenden, weiß Tanggaard. „Die Absicht ist gut. Aber wir laufen dabei meiner Meinung nach Gefahr zu übersehen, dass Kinder sich ständig weiterentwickeln. Jeden Tag lösen sie Probleme, verhandeln, experimentieren und finden oft ganz eigene, spielerische Lösungen.“ Ganz ungesteuert und ohne dass dies in Tabellen oder Tests festgehalten werde. Lene Tanggaard nennt als Beispiel ein Kind, das in einen flachen See geht, um einen Frosch zu fangen: Das Kind watet voran – und bekommt Wasser in seine Gummistiefel. So macht es vielleicht zum ersten Mal die konkrete Erfahrung wie es ist, nasse Füße zu bekommen. Der Stiefel kann geleert, das Experiment wiederholt werden, und das Kind spürt den Zusammenhang zwischen Handlung und Folge. „Selbstverständlich sollten Eltern oder Erzieher Kinder keinen echten, gar gefährlichen Risiken aussetzen. Aber sie müssen ›live‹ in der Welt üben, auch wenn es dabei um nasse Socken, Fehler oder ungewöhnliche Lösungen geht, auf die Erwachsene vielleicht gar nicht kommen würden“, so die dänische Pädagogin.
Wenn Erwachsene loslassen
Entscheidend sei, dass Kinder schrittweise lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dies ist ein zentraler Bestandteil ihrer Entwicklung zum Menschen und zum Mitglied der Gesellschaft. Entwicklung bedeutet daher nicht nur das Entwickeln individueller Fähigkeiten, sondern auch die aktive Teilnahme am Gemeinschaftsleben – in der Familie, der Kita, der Schule oder im Vereinsleben. „Kindern Verantwortung zu übertragen erfordert, dass Erwachsene den Mut haben, Kontrolle und Tempo abzugeben. Kochen kann dann länger dauern. Brot oder Brötchen werden vielleicht schiefer oder ungleichmäßiger als gedacht. Aber wenn wir diese Arbeitsschritte oder Aufgaben aus dem Weg räumen, um am Ende sogenannte gemeinsame Zeit zu gewinnen, nehmen wir den Kindern die wichtige Chance und auch einen Ort, an dem ebenfalls Qualität entsteht: den der gemeinsamen Planung und Arbeit“, sagt Lene Tanggaard. Wenn der Fokus von Leistung und Ergebnis hingegen auf Mitmachen und Teilhabe verlagert werde, verringere sich der Entwicklungsdruck, den viele Kinder heute zunehmend erleben. Wenn Erwachsene stattdessen zeigen, dass sie an den Eigenbeitrag des Kindes glauben, stärke dies dessen Selbstvertrauen.
"Wir müssen Kinder einbeziehen"
Auch die dänische Forscherin unterstreicht, dass Kinder unterschiedlich sind und Verantwortung deshalb an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten angepasst werden sollte. Manche brauchen einen sanften Anstoß, um selbst Initiative zu ergreifen. Andere müssen lernen, Freiraum zu geben. „Wir lernen am besten, wenn die Herausforderungen anspruchsvoll genug sind und wir uns ein wenig anstrengen müssen. Nicht durch künstlich geschaffene Lernsituationen, sondern durch ganz alltägliche Aktivitäten“, unterstreicht Lene Tanggaard. Dies könne beispielsweise bedeuten festzustellen, dass keine Kartoffeln mehr vorrätig sind – und Eltern das Kind dann fragten, ob es eine alternative Beilage für das geplante Abendessen vorschlagen kann. Oder die Kinder um Hilfe zu bitten, einen anderen Weg zum Spielplatz zu finden, wenn die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Oder das Kind einfach mal selbst eine Zitrone probieren zu lassen, sodass es spürt, wie sich sein Mund zusammenzieht. Lene Tanggaard: „Wenn wir Kinder in das Geschehen einbeziehen, werden sie nicht zu Zuschauern des Erwachsenenlebens, sondern zu aktiven Teilnehmern einer Gemeinschaft.“
5 Tipps für Eltern, Großeltern und Erzieher von der dänischen Pädagogin Lene Tanggaard
Aus ihrer langjährigen pädagogischen Forschung hat die dänische Pädagogin Lene Tanggaard fünf Tipps für Eltern zusammengefasst – sie helfen, Kinder zu selbständigen Charakteren zu werden:
1. Das Kind einbeziehen: Laden Sie das Kind in das (familiäre) Geschehen ein. Nicht als Übung, sondern als aktiven Teil der Gemeinschaft aller.
2. Verantwortung übertragen, die das Kind spüren kann: Wählen Sie Aufgaben, bei denen der Beitrag des Kindes zählt. Auch wenn es länger dauert oder anders erledigt wird, als Sie es selbst getan hätten.
3. Das Tempo anpassen und die eigenen Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Kinder können viel erreichen, wenn man ihnen Zeit gibt. 4. Geben Sie ihnen Raum, Aufgaben im eigenen Tempo zu lösen, anstatt alles selbst erledigen zu wollen.
Fehler als Lernerfahrungen sehen: Feuchte Socken, zerkochtes Gemüse oder saure Zitronen sind keine kleinen Niederlagen, sondern wertvolle Erlebnisse und Erfahrungen, auf denen das Kind aufbauen kann.
5. Den Alltag zum Lernraum machen: Entwicklung findet nicht nur bei vorausgeplanten Aktivitäten, sondern auch beim Kochen, Einkaufen und auf Umwegen zum Spielplatz statt.
DIE FORSCHERIN – Lene Tanggard
Die 1973 geborene Lene Tanggaard gehört über Skandinavien hinaus zu den wichtigen Stimmen einer kulturpsychologisch orientierten Pädagogik, die Lernen als eingebettete soziale Praxis versteht. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Abkehr von einem individualistischen Verständnis von Kreativität: Für Tanggaard entsteht Kreativität nicht primär „im Kopf“, sondern im Zusammenspiel von Menschen, Materialien, Traditionen und konkreten Handlungssituationen. Zentrales Motiv ist das die Bedeutung von Praxis und Wiederholung. Anfang des Jahres ist in Dänemark ihr neues Buch „En lille bog om, hvorfor børn kan langt mere, end vi tror“ (dt. Ein kleines Buch darüber, warum Kinder viel mehr können, als wir glauben) im Gyldendal Verlag, Kopenhagen, erschienen. 152 Seiten kosten 200 DKK.
Copyright Text: Christoph Schumann, Hamburg, Frühjahr 2026
