Mit der „Hoffnung“ nach Schweden

Gilleleje. Noch heute kommen Jahr für Jahr Nachfahren von Überlebenden aus Israel, Australien oder den USA nach Gilleleje, um jenen historischen Ort zu kennenzulernen, dem ihre Eltern oder Großeltern alles verdanken. Und sich bei Einwohnern der kleinen Gemeinde im dänischen Nordseeland zu bedanken. Genau 75 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass sich an der Küste nördlich von Kopenhagen eine der dramatischsten Rettungsaktionen während des Zweiten Weltkriegs ereignete. Und eine der glücklichsten – wenn auch nicht alle dänischen Juden vor ihren Verfolgern über den Öresund hinüber ins neutrale Schweden in Sicherheit gebracht werden konnten.

Die Kirche in Gilleleje heute. Foto: C. Schumann, 2018
Die Kirche in Gilleleje heute. Foto: C. Schumann, 2018

Besetzt worden war Dänemark schon am 9. April 1940. Die sogenannte „friedliche Besetzung“ mit einer kooperativen dänischen Regierung verschonte das Königreich und seine Bewohner lange vor den Kriegsfolgen. Selbst nach der Wannseekonferenz mit dem Beschluss zum Holocaust konnte die jüdische Bevölkerung des Landes – bei Kriegsbeginn lebten etwa 7.000 bis 8.000 Juden in Dänemark, von denen zwischen 1933 und 1939 rund 1.500 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei geflüchtet waren – ohne Repressalien leben. Im Lauf des Jahres 1943 aber nahm der Widerstand gegen die deutschen Besatzer immer mehr zu. Im „Musterprotektorat“, das wegen seiner scheinbar geschützten Situation schon als „Hitlers Kanarienvogel“ galt, nahm die Zahl der Sabotagen zu. Am 29. August schließlich verhängten die deutschen Besatzer den Ausnahmezustand über das Land und als die dänische Regierung zurücktritt, gerieten plötzlich auch die dänischen Juden in Gefahr. Als in Berlin ihre Deportation für den 1. und 2. Oktober 1943 geplant ist, informiert der Reichsbevollmächtigte für Dänemark, Werner Best, den Sozialdemokraten Hans Hedtoft. Die Nachricht gelangt schnell zum Oberrabbiner von Kopenhagen, Marcus Melchior, und verbreitet sich unter allen Juden im Land.
Was folgt, klingt heute noch wie ein Wunder. „Am 28. September sahen wir viele Last mit Gestapo in Kopenhagen. Jetzt wird es ernst, dachten wir. Am 29. packten wir einen Koffer, nahmen unsere ein- und vierjährigen Kinder, und fuhren mit dem Zug nach Gilleleje“, erinnerte sich der jüdische Händler D. Kublitz. In Gilleleje lebte der Kleiderhändler Tage Jacobsen, der wegen seiner satirischen, antinazistischen Karikaturen im Schaufenster als Nazigegner bekannt war. Kublitz bat ihn um Hilfe, der wiederum den Fischer Niels Clausen ansprach: „Wir redeten miteinander, bis Frau Clausen zu ihrem Mann sagte: Niels, du hast so oft gesagt, dass du helfen willst, wenn Menschen in Not sind. Jetzt hast du Gelegenheit, das zu beweisen. Da sagte Clausen, ja, ich will’s versuchen.“ Noch in der Nacht brachte der Seemann die Familie Kublitz – die Kinder hatten Schlaftabletten bekommen – mit seinem Boot „Vito“ von Gilleleje über die Ostsee – der erste Transport vo Gilleleje nach Schweden. Weitere folgten, darunter auch Fahrten mit dem Kutter „Haabet“ (dt. Hoffnung), die schätzungsweise rund 1.300 Juden retteten. Doch nicht alle Aktionen glückten: Während einer deutschen Razzia am 5. Oktober versteckten Pastor Kjeldgaard Jensen und der Widerstandskämpfer Arne Kleven etwa 20 jüdische Flüchtlinge im Gemeindehaus und 80 unter dem Dach der Gilleleje Kirche. Doch die Deutschen erhielten Wind davon und alle kamen ins Gefängnis nach Horserød. Die meisten starben später in Theresienstadt. Insgesamt aber gelang rund 1.300 Juden die Flucht von Gilleleje hinüber nach Höganäs in Schweden. Zahlreiche Gedenktafeln und Statuen erinnern in Gilleleje an den unvergessenen Einsatz und den Mut der einfachen Menschen. Und das Ruderboot des lokalen Fischers Gilbert Lassen steht als Zeitzeugnis in der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Forscher schätzen, dass knapp dänische 8.000 Juden, von denen knapp 1.400 nicht die dänische Staatsbürgerschaft hatten, in jenen Herbsttagen über Öresund, Kattegat und von Bornholm aus Schweden erreichen.


Tipp


Noch bis 21. Oktober 2018 ist in der Abteilung des Museums Nordsjælland in Gilleleje, Østergade 20, DK-3250 Gilleleje, musemns.dk, die Ausstellung „Håbet - Hoffnung. 75 Jahre Flucht der dänischen Juden nach Schweden im Oktober 1943“ zu sehen. Geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Darüber hinaus finden regelmäßig Themen-Stadtrundgänge „Gilleleje im Oktober 1943“ zu historischen Orten statt.