
REPORTAGE Kultur Literatur Bayreuth (cs). Wenn Karla Fohrbeck durch den Park von Schloss Fantaisie in Eckersdorf vor den Toren Bayreuths spaziert, denkt sie auch an Richard Wagner. „Dort oben hat der Komponist mit seiner Familie gewohnt, als er 1872 zum ersten Mal nach Bayreuth kam“, erzählt die Kulturwissenschaftlerin und zeigt hoch zum Balkon des Hauses, das unmittelbar neben dem 1758 erbauten Schloss. Fast ein halbes Jahr lebte und arbeitete der Schöpfer des „Rings“ im damaligen Hotel. In Eigentumswohnungen umgewandelt, sei das Wagner-Zimmer heute nur noch selten geöffnet, so die 83-jährige Fohrbeck. Kein Problem, denn wir sind an diesem sonnigen Herbsttag hier wegen eines anderen Künstlers – der nicht mit Klängen von Instrumenten, sondern den Tönen der Sprache gespielt hat: Jean Paul.
Jean Paul – Wortspieler und Erfinder neuer Wörter
„Jean Paul wurde als Johann Paul Friedrich Richter 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren“, sagt Fohrbeck, während wir unter den dichten Bäumen des Schlossparks spazieren. Der junge Schriftsteller nannte sich schon ab 1790 aus Bewunderung für den Aufklärer Jean-Jaques Rousseau nach seinem Vorbild Jean – und gilt mit seinem Künstlernahmen bis heute als eine der größten Kreativen der deutschen Sprache. „Ohne Jean Paul hätten wir Wörter wie Schmutzfink, Habseligkeiten, Gänsefüßchen oder Fallschirm nicht“, so Fohrbeck. Schon 1780 war der junge Jean Paul zum ersten Mal in Bayreuth, zog aber erst nach Studien- und Wanderjahren als Haus- und Privatlehrer zwischen Leipzig und Hof 1804 mit seiner Frau in der Residenzstadt. „Richter war fasziniert vom Leben in Bayreuth“, sagt Karla Fohrbeck. „Er liebte das Flair und genoss den künstlerischen Einfluss, den das Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine verströmte.“ Den „ersten Himmel um Bayreuth“ nannte Jean Paul seinen Rückzugsort Fantaisie euphorisch und ließ einige seiner Werke hier spielen. Herzog Alexander I. von Württemberg war so begeistert vom Dichter, dass er 1820 im Park einen Gedenkstein für „Deutschlands vorzüglichsten Musensohn“ aufstellen ließ.
Schönheit ohne Gleichen
Befreundet mit den großen seiner Zeit, allen voran Goethe, zählt der Oberfranke Jean Paul zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. „Auch wenn er mit seinen teils ausschweifenden, sprachmächtigen Werken wie ›Siebenkäs‹, ›Hesperus‹ oder ›Titan‹ nicht recht zwischen Spätaufklärung, Klassik und Romantik einzuordnen ist“, sagt Fohrbeck, die als unter anderem als Initiatorin des Jean-Paul-Wegs seit Jahren für mehr Popularität ihres Landsmannes sorgt. Der Wanderweg verbindet über zweihundert Kilometer zentrale Orte des Dichters zwischen dessen Heimat in und um Wunsiedel und Baireut, wie man damals noch schrieb, und Umgebung. Endpunkt der Route ist unser nächstes Ziel: Sanspareil bei Wonsees – ein 1744 ebenfalls von Markgräfin Wilhelmine angelegter Felsengarten. Sein Name geht angeblich auf eine Hofdame zurück, die vor Glück rief „C’est sans pareil“, dies sei ohnegleichen. Wie Jean Paul zieht es auch heute noch vor allem an Wochenenden hundert Ausflügler in der Park, in dem von Frühjahr bis Herbst auch (klassische) Freiluftkonzerte erklingen.
Ein Parktag auf Jean Pauls Spuren
Unser Parktag auf den Spuren Jean Pauls, der vor bald zweihundert Jahren am 14. November 1825 in Bayreuth starb, endet in der weltberühmten Eremitage. Die weitläufige Anlage lag einst vor den Toren der Stadt und war einst unter anderem Eremitenhof für den Adel. Jean Paul nannte das Ausflugsziel in seinem Roman „Siebenkäs“ den „2. Himmel um Bayreuth“. Dass der Dichter gern und oft hierherging, lag nicht zuletzt daran, dass auf dem Weg auch die „Rollwenzelei“ lag – sein Lieblingslokal, in dem er nicht nur gern Bier trank, sondern in dessen guter Stube Jean Paul auch schieb und arbeitete. Vielleicht fand er auch hier seine einfachen Motive und Charaktere. denn Jean Paul legte bei aller Liebe zum Adel immer wert auf das einfache Leben seiner Zeit, auf soziale Gerechtigkeit und menschliche Beziehungen – und hatte dabei immer einen besonderen Hang zu Humor und zur Satire. Gestorben ist Jean Paul mit 62 Jahren im Schwabacher Haus in der Friedrichstraße 5, wo die Familie seit 1813 lebte. Besonders den Garten liebte Jean Paul – für den Naturliebhaber war das Grün innerhalb der Stadtmauern ein kleiner Ersatz für die Parks und Wälder außerhalb. Der Garten sei „besser für meine Lunge und meinen Kopf als jede Arznei“. Das Grab von Jean Paul liegt auf dem nahen Stadtfriedhof.
Das Jean-Paul-Jahr 2025 in Bayreuth
Allgemeine Informationen zu Bayreuth gibt es bei der Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH, Opernstr. 22, 95444 Bayreuth, www.bayreuth-tourismus.de.
Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen, Termine, Tipps und mehr zum Jean-Paul-Jubiläumsjahr 2025 findet man auf www.bayreuth-tourismus.de/sehenswertes/jean-paul/
In den kommenden Wochen finden in Bayreuth beispielsweise ein Konzert mit dem Trio Jean Paul (10.10.25), die Multikulturevent „Jean Paul – ein Figurentheater-Roadmovie aus Schusters Rappen“ mit Figurentheater, Schauspiel und Lesung (13.11.25), der Vortrag „Jean Paul zwischen Himmel und Erde und wir“ von Karla Fohrbeck (22.11.25) oder eine musikalische Lesung aus dem Roman „Siebenkäs“ (23.11.25) statt. Höhepunkt des Jean-Paul-Jahres ist der Festakt mit Kammerkonzet und Lesung am 14.11.25 im Richard-Wagner-Haus Wahnfried. www.bayreuth-tourismus.de/veranstaltungen/
Zweistündige Führungen „Auf den Spuren Jean Pauls“ durch die historische Innenstadt von Bayreuth finden noch bis Mitte November statt. Dazu gehört auch ein Besuch des Jean-Paul-Museums in der Wahnfriedstr. 1. Die kleine Ausstellung hat in den Wintermonaten Dienstag bis Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt 2 Euro. www.bayreuth-tourismus.de/sehenswertes/jean-paul/jean-paul-museum
Ganz neu und teils noch im Aufbau ist die Website zum Fernwanderweg Jean-Paul-Weg, der über 200 Kilometer in Etappen von Richters Geburts- und Kindheitsort Joditz über Bayreuth bis nach Sanspareil führt. www.jeanpaulweg-oberfranken.de
Copyright Recherche, Text und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg, September 2025










