Der Dichter der Leichtigkeit – vor 100 Jahren wurde James Krüss auf Helgoland geboren

Bücher von James Krüss und eine Büste des Autors im Museum Helgoland. Foto: Christoph Schumann, 2026
Bücher von James Krüss und eine Büste des Autors im Museum Helgoland. Foto: Christoph Schumann, 2026

LITERATUR REPORTAGE Helgoland (cs). „Er war offen zu allen“, erinnert sich Karin Janßen. „Sein ganzes Wesen war nett und freundlich. Im Grunde war der Mensch wie seine Bücher: humorvoll und philanthropisch.“ Wenn die Mitarbeitern des Museums Helgoland an James Krüss denkt, merkt man ihr an, wie gern sie den größten Dichter der Nordseeinsel gehabt hat. Noch heute fällt der Name Krüss fast zwangsläufig, wenn von deutscher Kinder- und Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts die Rede ist. Genau einhundert Jahre ist es am 31. Mai her, dass Krüss als drittes von vier Kindern eines Elektrikers und einer Hummerfischertochter auf der „roten Insel“ zur Welt kam – ein Ort, der sein Leben, Denken und Werk nachhaltig prägen sollte. Das Aufwachsen zwischen Meer, Wind und Weite hinterließ Spuren in Krüss’ Sprache: leicht, rhythmisch, oft verspielt, und doch mit einem Gespür für existenzielle Fragen.

"Manchmal Unsinn reimen"

„Auf Helgoland bin ich geboren. Als Kind fischte ich hier nach Hering und Hummer, schwamm in der Nordsee und notierte erste Gedichte in mein Oktavheft. Lachen ist Freiheit nach innen. Geschichten erzählen. Manchmal Unsinn reimen. Fabulieren, ein bisschen schwindeln. Vor allem aber Kinder immer ernst nehmen.“ So beschrieb Krüss ein Credo: Mit einem Augenzwinkern sah schon der junge Autor auf die Welt, ohne den Ernst des Ganzen zu verleugnen. Sein Werkzeug war die Sprache: „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse – und aller Wunder.“ Dieser doppelte Blick auf die Welt zieht sich durch Krüss’ gesamtes Werk. Seine Texte wirken auf den ersten Blick heiter und zugänglich, entfalten jedoch bei genauerem Lesen eine Tiefe, die nachdenklich macht.

Timm Thaler und das Lachen

Krüss begann nach dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben – anfangs Gedichte und Hörspiele, später vor allem Kinderbücher. Der große Durchbruch gelang ihm 1962 mit dem Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“. Die Geschichte eines Jungen, der sein Lachen verkauft, um jede Wette zu gewinnen, ist einerseits ein Märchen – andererseits ist die 1979 mit Thomas Ohrner fürs Fernsehen und 2017 fürs Kino neu verfilmte Erzählung eine Parabel über Glück, Freiheit und die Verlockungen des Erfolgs. „Wer sein Lachen verkauft, verkauft sich selbst“, lautet eine der zentralen Aussagen des Buches. Schon zuvor hatte Krüss mit Werken wie „Mein Urgroßvater und ich“ (1959) Aufmerksamkeit erregt. Später folgten Bücher wie „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“ (1963), die seine besondere Mischung aus Humor, Poesie und philosophischem Ernst weiter festigten und seiner Heimatinsel ein literarisches Denkmal setzen.

 

"Wir lesen Krüss heute anders"

Typisch für Krüss ist seine Lust am Spiel mit Sprache. Reime, Wortverdrehungen und absurde Einfälle sind bei ihm kein Selbstzweck, sondern Ausdruck einer Haltung: Literatur soll Freude machen, ohne banal zu sein. „Ein gutes Kinderbuch“, so Krüss, „ist auch für Erwachsene ein gutes Buch.“ Dieser Anspruch erklärt, warum seine Werke generationenübergreifend gelesen werden. „Heute lies man anders als zu Krüss’ Zeiten“, räumt Karin Janßen zwar ein, „aber lesen und mitreißen können die Bücher immer noch, finde ich.“ Wer Krüss’ Leben und Werk näher kommen möchte, kann dies gut an seinem Geburtsort tun: Die bunten, kleinen Hummerbuden vor dem Museum Helgoland zeigen eine kleine Ausstellung zu Leben und Werk des bekennenden Insulaners – viele seiner Kinder- und Jugendbücher kann man auch gleich vor Ort erwerben. Und lesen. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Biografie des Autors, Manuskripte, Briefe und persönliche Gegenstände wie die berühmte Wollmütze, die Krüss auf vielen Fotos trägt. Hörstationen und interaktive Angebote machen Krüss’ Geschichten erlebbar – besonders den Klang und Rhythmus der Sprache, die er liebte.

Gern gesehen: Besuch aus der Heimat auf Gran Canaria

Trotz seines Erfolgs und Ehrungen wie dem dänischen Hans-Christian-Andersen-Preis (1968) blieb Krüss ein Autor, der sich nicht vereinnahmen ließ. Er lebte viele Jahre im Ausland, unter anderem auf Gran Canaria, und bewahrte sich eine gewisse Distanz zum literarischen Betrieb. Auch auf der Kanareninsel vergass Krüss seine Herkunft nicht, erinnert sich Karin Janßen: „Dort habe ich ihm während eines Urlaubs einmal kennengelernt. Man konnte spontan hingehen und ihn besuchen – wenn Krüss hörte, dass man von Helgoland kam, empfing er Gäste mit offenen Armen.“ Helgoland blieb für Krüss zeit seines Lebens ein Bezugspunkt – nicht nur geografisch, sondern auch poetisch. James Krüss starb 1997, doch seine Bücher sind lebendig geblieben. Sie erinnern daran, dass Leichtigkeit und Tiefe keine Gegensätze sein müssen – und dass ein Lachen manchmal mehr wert ist als jeder Gewinn.

 

So feiert Helgoland den 100. Geburtstag von James Krüss

Anlässlich seines runden Geburtstags Feier Helgoland in den kommenden Monaten seinen großen Geschichtenerzähler James Krüss. So plant das Museum Helgoland eine neue Sonderausstellung, die im Frühjahr eröffnen soll. Ab dem 18. April läuft außerdem eine PopArt- und StreetArt-Ausstellung zu James Krüss in der Atelierbude – zahlreiche Künstler zeigen ihre Interpretation eines ikonischen Fotos, das Krüss mit Mütze und erhobenem Zeigefinder zeigt. Alle Werke haben das Format 40 mal 60 cm. Das Museum ist bis Okt. tgl. Von 11 bis 16 Uhr geöffnet, ab November Mi und Sa 12 bis 16.30 Uhr. Eintritt 6 Euro, Kinder unter 14 Jahren 3,50 Euro. www.museum-helgoland.de.

Rund um das Museum findet am 31. Mai auch ein großes Kinderfest mit „James-Krüss-Meile“ mit Mitmachständen, Vorleseaktionen, Kino und Walking Acts für Familien statt. Mehr Informationen auf Helgoland.de.

 

Anreise nach Helgoland: Ab Hamburg, Brunsbüttel und Cuxhaven verbindet noch bis November der Katamaran "Halunder Jet" der Reederei FRS Helgoline ab Landungsbrücken in rund vier Stunden das Festland mit Helgoland. Infos, Preise und Buchung auf www.frs-helgoline.de

 

Copyright: Text und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg, März 2026