Hagen a.T.W.: Im Schatten von „Dönissens Gelber“ und der „Schönen von Marienhöhe“

Kirschblüte auf dem Kirschlehrpfad in Hagen a.T.W. Foto: C. Schumann, 2019
Kirschblüte auf dem Kirschlehrpfad in Hagen a.T.W. Foto: C. Schumann, 2019

Hagen am Teutoburger Wald. In und um den Erholungsort Hagen am Teutoburger Wald in Süd-Niedersachsen stehen mehr als 2000 Süßkirschbäume, darunter viele seltene Sorten – in Frühjahr und Frühsommer bieten Führungen auf dem 2,5 Kilometer langen Kirschlehrpfad am Jägerberg bieten Hintergrundwissen zu Tradition und Erhalt.

Schubacks Frühe Schwarze“ und „Dönissens Gelbe“ trennen einige Wochen bei der Blüte, aber nur ein paar Schritte auf dem Kirschlehrpfad vor den Toren von Hagen am Teutoburger Wald. Jetzt im späten Frühjahr stehen rund 2000 Süßkirschen hier auf dem Jägerberg und rund um den 14.000 Einwohner großen Erholungsort nahe Osnabrück und reifen in der Sonne des südwestlichen Niedersachsens. „ Ob „Große Schwarze“, „Knorpelkirsche“, „Baronkirsche“, „Große Prinzessin“, „Schöne aus Marienhöhe“ oder „Jakobs Schnapskirsche“ – nirgendwo in Deutschland ist die Vielfalt an Süßkirschen größer als hier an den Ausläufern des Mittelgebirges.

„Allein am Kirschlehrpfad wachsen mehr als 350 Obstbäume“, begrüßt Anja Oetmann-Mennen unsere kleine Gruppe an Kirsch-Interessenten. Die promovierte Agrarwissenschaftlerin ist eine der EhrenamtlerInnen, die zu Blüte und Reife der populären Bäume regelmäßig Lehrpfadführungen anbieten. Seit zehn Jahren gibt es das Angebot, das von Jahr zu Jahr mehr Neugierige in die sanft geschwungene Landschaft lockt. Schon seit dem 16. Jahrhundert werden im heute als „Kirschen-Hagen“ bekannten Ort die aromareichen Früchte angebaut. „Und um 1900 war die Region sogar eines der größten Kirschanbaugebiete Deutschlands“, sagt die promovierte Obstexpertin.

Der Kirschkrawall von 1919

Noch in den 1950er und 60er Jahren dienten dreißig bis vierzig, manchmal bis zu einhundert Bäume, in deren Schatten im Sommer das Vieh weidete, pro Hof den meisten Bauern als wichtiger Nebenerwerb. Besonders die Menschen in den beiden umliegenden Großstädten schätzten die Versorgung mit Hagener Kirschen: Nach dem Ersten Weltkrieg drohte die gute Nachbarschaft zwischen Osnabrück und Münster sogar am „Kirschkrawall“ zu zerbrechen, so Oetmann-Mennen. Dessen Hintergrund war einfach: Weil die Hagener Kirschbauern auf dem Wochenmarkt in Münster pro Pfund 40 Pfenning mehr erhielten, stellten sie den Verkauf in Osnabrück weitgehend ein, berichtet ein Ortschronist. Daraufhin organisierten Osnabrücker Lokalpolitiker Demonstrationszüge nach Hagen. Ehe man sich schließlich einigte, soll es im Juli 1919 zu tumultartigen Szenen gekommen sein.

„Mit dem steigenden Import von Früchten aus Südeuropa in den letzten vierzig Jahren nahm die Bedeutung der lokalen Kirschen aber plötzlich ab“, erzählt Oetmann-Mennen auf den ersten Metern des Kirschlehrpfads, der anfangs zwischen Reihen von Kirschbäumen auf einer Streuobstwiese verläuft. Die Preise verfielen, die Ernte der großkronigen Hochstammbäume wurde unrentabel. Teils gab es für das Fällen von Kirsch- und anderen Obstbäumen sogar Rodungszuschüsse. „Zum Glück setzte mit der ökologischen Bewegung in den 80ern aber ein Umdenken ein“, erinnert sich unsere Früchte-Führerin. Denn glücklicherweise standen einige Kirschbäume auf Höfen und Wiesen immer noch, die das Landschaftsbild um Hagen bis heute prägen. So besannen sich die Hagener wieder auf den Wert ihrer Natur, mussten jedoch schnell erkennen, dass das Wissen um die Kirschsorten bereits nach wenigen Jahren verlorengegangen war.

„Erst eine Zusammenarbeit der Hochschule Osnabrück mit dem Deutschen Pomologen-Verein machte die Bestimmung wieder möglich“, sagt Oetmann-Mennen. Und seit 2004 folgte echte Pionierarbeit mit der Neuanpflanzung von Kirschsorten aus der Sammlung eines Marburger Züchters auf dem Jägerberg. Das Projekt ist Bestandteil der „Deutschen Genbank Obst“ und des bundesweiten Programms zum Erhalt der Biodiversität von Obstsorten. Inzwischen ist systematisch erforscht, dass es in Hagen a.T.W. noch bzw. wieder mehr als 300 Kirschsorten gibt. Darunter „Geisepitter“, „Kronprinz von Hannover“, „Perle von Rüdern“ oder „Oberrieder Doktorkirsche“. Acht in Hagen gefundene Kirschensorten galten sogar als ausgestorben, darunter „Lucien“ und „Tilgeners Rote Herzkirsche“.

 

Mehr Vielfalt als im Alten Land

Diese Vielfalt zeigt sich längst nicht mehr nur am rund zweieinhalb Kilometer langen Lehrpfad, mit seinen fast 400 Kirschbäumen. Auch in Wiesen und Gärten stehen neben bis zu hundert Jahre alten Stämmen immer mehr junge Kirschen: „Die Gemeinde verschenkt in jedem zweiten Jahr 50 Bäumchen an Hagener Bürger, um unser typisches Ortsbild zu erhalten“, so Oetmann-Mennen, während wir den Hang hinauf der bunten Reihe von „Dolleseppler“, „Großer Prinzessin“ und Co. folgen. Sie gedeihen dank eines fruchtbaren Lehmbodens und dank Hagens Lage in einer Talmulde weitgehend geschützt vor starkem Frost außergewöhnlich gut. Vielfalt und Pracht der Bäume gibt es Aktiven Baumschützern recht: „In Hagen gibt es mehr norddeutsche Kirschsorten als beispielsweise im Alten Land“, unterstreicht Oetmann-Mennen.

Von denen Besucher des Kirschlehrpfads in der Erntezeit auch naschen dürfen, wenn die Kirschen in wenigen Wochen wieder in bunten Farben von hellgelb bis schwarzrot vom Baum hängen. „Aber bitte nur in mundgerechten Kostproben“, sagt Oetmann-Mennen. Denn die nur bis zu zwei Kilogramm saftig-süßen bis säuerlich-herben Erntefrüchte verarbeitet die Kirschkennerin nach der mühevollen Handernte gemeinsam mit den anderen Aktiven zu sortenreinen Süßkirschprodukten wie Fruchtaufstrichen, Chutneys und Likören „Made in Hagen am Teutoburger Wald“. Auch unsere Lehrpfad-Runde endet mit einer kleinen Verkostung der Brotaufstriche, deren Aromen auf unserer Zunge noch lange nachklingen.

Konfitüre, Chutney, Likör und mehr – ehrenamtliche HelferInnen verarbeiten die Hagener Kirschen zu unwiderstehlichen Spezialitäten. Foto: Gemeinde Hagen a.T.W./PR
Konfitüre, Chutney, Likör und mehr – ehrenamtliche HelferInnen verarbeiten die Hagener Kirschen zu unwiderstehlichen Spezialitäten. Foto: Gemeinde Hagen a.T.W./PR

Reiseinformation:

Die Vielfalt der Kirschsorten in Hagen am Teutoburger Wald lässt sich am besten im Rahmen einer Führung auf dem Kirschlehrpfad erleben. Die nächsten Termine sind zu Kirschreife und Beginn der Ernte Ende Juni und Anfang Juli: Samstag, 29.6.19, 14.30 Uhr; Sonntag, 7.7.2019, 14.30 Uhr und Samstag, 13.7.2019, 14.30 Uhr. Die Rundgänge mit fachkundiger Begleitung dauern rund 1,5 bis 2 Std. Kostproben der Kirschen frisch vom Baum oder selbst gemachter Hagener Kirschprodukte wie Marmeladen sowie kleine literarische Kirsch-Erlebnisse gehören zum Programm. Treffpunkt: Reisemobilstellplatz am Schultenholz, Zum Jägerberg, 49170 Hagen a.T.W. Die Teilnahmegebühr beträgt 2,50 Euro pro Person (bis einschl. 18 Jahre kostenlos); Anmeldung unter Tel. 05401 / 977-59. Dank zahlreicher Schautafeln ist der Kirschlehrpfad auch für Individualreisende ein Erlebnis. Höhepunkt des Hagener Kirschjahres ist das „9. Hagener Kirschfest“ am 29. Juni, in dessen Rahmen u.a. die Kirschkönigin 2019 proklamiert wird.

 

Mein persönlicher Tipp:

Rund um Hagen a.T.W. führen drei Kirschwanderwege mit 4 bis 10 km Länae sowie ein Kirschradweg zu Natur- und Kulturattraktionen. Ausgangspunkt der. Ausgangspunkt aller Kirschwanderwege ist die Alte Kirche im Zentrum von Hagen a.T.W. Alle Routen sind mit einer Kirsche gekennzeichnet.

 

www.hagen-atw.de

www.osnabruecker-land.de