
REPORTAGE PORTRÄT WISSENSCHAFT Hamburg (cs). Das erste Rätsel wartet nur wenige Meter vom Institut am Von-Melle-Park entfernt auf mich. Mitten auf dem Campus der Universität Hamburg erhebt sich im nachmittäglichen Winterlicht die „Plattform zur Sonne“, eine Mischung aus Architektur-Skultpur und sommerlichem Treffpunkt für Studierende. „Wie weit ist die obere Ebene wohl vom Boden entfernt?“, fragt mich Nils Buchholtz. „Wie würden Sie da herangehen?“ Damit stellt mich der Professor für Didaktik der Mathematik vor dieselbe Aufgabe wie die Grundschulklassen, die regelmäßig zu einer „Mathe-Rallye“ hier im Grindelviertel antreten. Genauer gesagt handelt es sich bei den einzelnen Stationen allerdings nicht um eine Rallye, sondern um einen „Mathematischen Spaziergang“.
Entwickelt an der Universität Hamburg
Viele halten Mathematik für abstrakt, formelhaft und losgelöst vom Alltag – Schüler ebenso wie Studierende und Erwachsene. Genau hier setzt das Projekt an, das seit 2012 an der Universität Hamburg entwickelt und praktisch erprobt wird: die Mathematischen Spaziergänge. Ins Leben gerufen wurde das Modell unter anderem von Nils Buchholtz’ Vorgängerin am Lehrstuhl der Fakultät für Erziehungswissenschaften mit einem klaren Ziel: Mathematik soll auch dort entdeckt werden, wo sie tatsächlich vorkommt – im öffentlichen Raum, beispielsweise auf dem Campus oder an anderen Orten in der Stadt. „Ich schätze, dass die Plattform weit über zwei Meter hoch ist“, antworte ich undn wenden den Blick von meinen Füßen hinauf zum Geländer der Terrasse. „Von eigenem Weltwissen wie Ihrer Körpergröße auszugehen und zu schätzen, ist schon mal ein möglicher Ansatz“, lobt der 43-jährige Hochschullehrer meinen zaghaften Versuch. Doch weil hier angewandte Mathematik vermittelt werden soll, drückt Buchholtz mir ein Maßband in die Hand. Die Höhe der Aussichtsplattform muss genauer sein. Bleiben also nur Messen und Rechnen: Eine Stufe misst siebzehn Zentimeter, drei Treppen mit je sechs Stufen führen nach oben – „etwas mehr als drei Meter“, kombiniere ich. Und liege damit richtig bei den Antworten, die der ausgedruckte „Mathe-Agent“ vorschlägt.

Wenn die Stadt zum Lernanlass wird
Das Grundprinzip der Mathematischen Spaziergänge ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. „Anstatt Aufgaben im Schulbuch oder an der Tafel zu bearbeiten, bewegen sich die Teilnehmenden zu Fuß durch reale Umgebungen“, erklärt Marieke Ende. An festgelegten Stationen werden mathematische Fragestellungen aufgegriffen, die sich unmittelbar aus der Umgebung ergeben. „Gebäude, Wege, Denkmäler oder Grünflächen werden so zu Lernanlässen“, sagt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin, die gerade ihre Promotion in Mathe-Didaktik schreibt. Gemessen, geschätzt, gerechnet und argumentiert wird nicht am Schul- oder Unipult, sondern vor Ort im Alltag. Didaktisch knüpfen die Mathematischen Spaziergänge an Konzepte des entdeckenden und forschenden Lernens an. Die Teilnehmer arbeiten meist in Gruppen wie – ganzen oder geteilten – Schulklassen, Uniseminaren oder auch Familien. Sie diskutieren Lösungswege der Aufgaben miteinander und vergleichen Ergebnisse. „Wichtig ist, dass Lehrkräfte dabei weniger die Rolle von Wissensvermittelnden als vielmehr die von Lernbegleitenden übernehmen“, so Didaktik-Profi Buchholtz. Und Marieke Ende unterstreicht: „Die Spaziergänge eignen sich für alle Altersstufen – von der Grundschule bis zur Sekundarstufe und Uni.“ Deshalb werden sie gern im schulischen Kontext wie in der Lehrkräfteausbildung genutzt. „Dass dabei außerschulisch gelernt wird, ist das Entscheidende“, so Buchholtz. „Man kann die Aufgaben nicht ohne den konkreten Ort lösen, muss am Objekt überlegen und arbeiten.“
Längen, Höhen, Umfänge und mehr
So wie wir es gerade auf dem Campus der Uni Hamburg zwischen Audimax und Philosophenturm tun. Für die Umgebung haben die Lehrvermittler mehrere Spaziergänge entwickelt, die sich thematisch
unterscheiden. Für jüngere Kinder gibt es den Campus-Spaziergang auf Grundschulniveau, bei dem einfache Längenvergleiche, Zählaufgaben oder geometrische Formen im Vordergrund stehen – dazu gehört
auch die „Sonnenplattform“. Ältere Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit komplexeren Fragestellungen, etwa zu Flächen- und Volumenberechnungen. Gebäude, Treppenanlagen oder Innenhöfe
liefern dabei anschauliches Material für mathematische Modellierungen. Auch Kreis- und Längenberechnung spielt eine Rolle. Beispielsweise vor dem Mineralogischen Museum am Rand des Unigeländes:
Anhand der kleinen Räder von zwei Loren aus dem frühen Silberbergbau muss ich die Länge der zurückgelegten Strecke berechnen. Gar nicht so einfach.
Mathe im Stadtpark, der Innenstadt oder der HafenCity
Neben dem Campus existieren auch Mathematische Stadtspaziergänge an anderen Stellen Hamburgs, etwa im Stadtpark, in der HafenCity oder der Innenstadt rund um den Hauptbahnhof. So soll man im Stadtpark in Winterhude das Volumen des Modellbootteichs errechnen. An runden Bauwerken oder Brunnen wird der Zusammenhang zwischen Durchmesser, Umfang und Fläche praktisch erfahrbar. Statt vorgegebener Zahlen müssen reale Maße erhoben werden – mit Maßband, Schrittmaß oder Schätzverfahren. „Fehlerquellen und Messungenauigkeiten werden so nicht ausgeblendet, sondern bewusst thematisiert“, erläutert Nils Buchholtz. „Es geht darum zu verstehen, wie eine Fragestellung gelöst wird. Nicht durch einfaches Übertragen einer Formel, sondern durch das Verstehen, wie eine Formel innerlich aufgebaut ist.“ Ein anderer Mathe-Rundgang widmet sich dem Satz des Pythagoras. An Treppen, Plätzen oder Gebäudekanten wird überprüft, wie sich rechtwinklige Dreiecke im Stadtbild finden lassen und wie tragfähig mathematische Modelle im Alltag sind. Andere Spaziergänge greifen Themen wie Prozentrechnung oder Wahrscheinlichkeit auf, etwa anhand von Schaufenstern, Verkehrsflächen oder Zufallssituationen im urbanen Raum.
Entwickelt von Didaktikern
„Entwickelt werden die sechzig- bis neunzigminütigen Spaziergänge meist im Rahmen von universitären Lehrveranstaltungen“ sagt Marieke Ende. Studierende der Mathematikdidaktik konzipieren Aufgaben, testen sie mit ihren eigenen Lerngruppen und reflektieren anschließend das Lernpotenzial. Auf diese Weise verbinde das Projekt Forschung, Lehre und schulische Praxis. Und die Resonanz zeigt, dass der Ansatz funktioniert. Viele Teilnehmende berichten von einem veränderten Blick auf ihre Umgebung – und auf Mathematik. Was zuvor unsichtbar schien, wird plötzlich zum Gegenstand mathematischer Fragen. „Das ist die Stärke der Spaziergänge: Sie holen die Mathematik aus dem Klassenzimmer heraus und führen vor Augen, dass sie kein abgeschlossenes System aus Formeln ist, sondern ein Werkzeug, um die Welt besser zu verstehen“, sagt Nils Buchholtz. In einer Zeit, in der Lernen zunehmend digital und standardisiert wird, setzen die Mathematischen Spaziergänge bewusst auf Bewegung, Ortsbezug und gemeinsames Nachdenken. Mit ihnen erlebt man Mathematik – Schritt für Schritt, mitten im Alltag.
HINTERGRUND
Mathe für alle – die „Spaziergänge“ der Universität Hamburg
Die Mathematischen Spaziergänge der Universität Hamburg sind durchführ- und nutzbar für jedermann – ob Schüler oder Familie mit Kindern. Vier Rundgänge stehen als Pdf auf der Homepage der Erziehungswissenschaftlichen Universität unter www.ew.uni-hamburg.de zum freien Download und Ausdruck in den bekannten App-Stores bereit. Darüber hinaus sind einige der Spaziergänge auch in der bekannten Lernrallye-App Actionbound umgesetzt. Die App für Apple oder Android führt von Station zu Station, stellt Aufgaben, ermöglicht das Hochladen von Fotos oder Messergebnissen und strukturiert den Ablauf. Gleichzeitig bleibt das Lernen ortsgebunden und körperlich erfahrbar – ein Kontrast zum klassischen Bildschirm(unterricht) oder zum Rechnen und Lernen daheim. Darum sind alle Mathematischen Spaziergänge nicht von zuhause aus lösbar, sondern nur in Verbindung mit einem Besuch in Hamburg.
Copyright Idee, Text und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg, 2026. Stand: Frühjahr 2026



