Auf großer Kreuzfahrt quer durch Hamburg – Kaptiän Jürgen Sawatzki fährt seit 35 Jahren auf der Alster

Kapitän Jürgen Sawatzki auf seiner „Sielbeck“ am Jungsternstieg in Hamburg. Foto: Christoph Schumann, 2025
Kapitän Jürgen Sawatzki auf seiner „Sielbeck“ am Jungsternstieg in Hamburg. Foto: Christoph Schumann, 2025

REPORTAGE Reise Hamburg (cs). Wenn Jürgen Sawatzki auf große Fahrt geht, ist er nach zwei Stunden zurück am Kai. Seit fünfunddreißig Jahren nimmt der Kapitän schon Gäste mit auf Kreuzfahrt – auf eine Kreuzfahrt über die Alster im Herzen der Hamburger Altstadt. An diesem sonnigen Junitag begrüßt der 62-Jährige rund ein Dutzend Passagiere am Anleger 4 am Jungfernstieg. Mit einem fröhlichen „Moin“ empfängt der Geesthachter seine Mitreisenden auf der „MFS Siebek“, kontrolliert Tickets und verkauft einzelne Fahrscheine. Punkt 11.15 Uhr macht die wie ihr Schwesterschiff „Ammersbek“ 1938/39 in Finkenwerder gebaute „Sielbek“ die Leinen los zur Rundfahrt. Mit Hamburgs Rathaus und dem Konsumtempel Alsterhaus im Rücken nimmt das historische Schiff gelassen Kurs über die Binnenalster auf die viel befahrenen Lombards- und Kennedybrücke zu, vorbei an der sprudelnden Alsterfontäne. „Die Tour über die Alster gehört zu meinen Lieblingsstrecken“, erzählt Jürgen Sawatzki mit norddeutschem Dialekt, während über uns Autos und Züge hinwegrollen. „Es gibt viel zu sehen. Immer wieder steigen Gäste zu. Und die Stimmung an Bord ist meist fröhlich.“

Kein Geschwindigkeitsrausch an Bord

Gut fünf Minuten dauert die Fahrt, dann legt Sawatzki zum ersten Mal am Steg vor dem Hotel Atlantic an. Dann folgt die längste Strecke auf hoher „See“: Fast zehn Minuten braucht die „Sielbek“ quer über die Außenalster bis zum Halt „Rabenstraße“ am jenseitigen Ufer der Außenalster. „Ich schätze, das sind vielleicht vier Kilometer“, so der Schleswig-Holsteiner, der täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit in die Hansestadt pendelt, wo er seine Routen nach fast vier Jahrzehnten ebenso konzentriert wie gelassen befährt. Ein Geschwindigkeitsrausch ist auch nicht zu befürchten: die „Sielbek“ ist wie die anderen siebzehn Alsterdampfer aus der Flotte der Alster-Touristik (ATG, s. Hintergrund) mit maximal etwa zehn Stundenkilometern unterwegs. In den Kanälen in Winterhude, Barmbek oder den Fleeten in der Speicherstadt sind es sogar nur fünf Stundenkilometer.

Der Alsterdampfer „Eilbek“ vor Hamburgs Kulisse mit Rathaus und Elbphilharmonie. Foto: Christoph Schumann, 2025
Der Alsterdampfer „Eilbek“ vor Hamburgs Kulisse mit Rathaus und Elbphilharmonie. Foto: Christoph Schumann, 2025

Ruhige Fahrten als entspanntes Erlebnis

„Aber gerade das ruhige Fahren macht das entspannte Erlebnis ja aus“, meint Sawatzki, der die mit einem emissionsarmen modernen Dieselmotor ausgestattete „Sielbek“ wahlweise mit dem klassischen Ruder oder per Joystick dirigieren kann. Die Flotte der Alsterdampfer war schon immer und ist auch heute noch ein Spiegel ihrer Zeit: Schiffe aus fast allen Epochen der Reederei kreuzen heute auf der Alster. Dabei setzt die ATG schon lange auf zukunftsträchtige Antriebe: Das Solarschiff „Alstersonne“ ist seit 2000 im Einsatz. Und mit der „Eilbek“ wurde im vergangenen Jahr auch das zweitälteste Schiff der ATG-Flotte auf Strom umgerüstet. Seit dem Herbst besitzt die „Eilbek“ einen 100-kW-starken Elektromotor, gespeist von sechs Batterien. Schon in den ersten Monaten beförderte der modernisierte „Dampfer“ auf einhundert Fahrten rund 3500 Passagiere abgasfrei. Weitere Mitglieder der „Weißen Flotte“ sollen folgen, so ATG-Geschäftsführer Martin Lobmeyer: „Die weitere Elektrifizierung unserer historischen Flotte bleibt unser Ziel. Allerdings ist die Umrüstung mit enorm hohen Kosten verbunden. Ohne Fördermittel wird das nicht gelingen.“

Moderne Elektro“dampfer“ fahren ruhiger

Und wie fahren sich die Elektroschiffe, auch im Vergleich zu ihren klassischen Schwestern wie der „Sielbek“ oder dem kürzlich originalgetreu restaurierten Museumssschiff „Aue“? „Elektroschiffe fahren ruhiger. Aber für mich macht das im Alltag eigentlich keinen Unterschied“, findet Jürgen Sawatzki, der je nach Schichtplan verschiedene Touren und Schiffe fährt. Derweil begleiten einige Enten, ab und an ein Alsterschwan, vor allem aber Segel- und Ruderboote an diesem Donnerstag die „Sielbek“ hinüber zum Stop am „Uhlenhorster Fähraus“, wie Sawatzki kurz vor dem Anlegen seinen Gästen per Lautsprecher mitteilt. Gibt es manchmal kritischer Situationen, wenn Segler und Alsterschiffe sich begegnen? „Nein, ich erinnere mich wirklich an keine gefährlichen“, überlegt Sawatzki, der als gelernter Binnenschiffe nach Jahren auf Rhein und Elbe der Liebe wegen in Holstein sesshaft wurde. „Wir kommen auf dem Wasser gut miteinander aus.“ Stark zugenommen habe nach der Corona-Pandemie aber die Zahl der Stand-up-Paddler: „Davon gibt es auf den Kanälen, besonders im Stadtpark wirklich viele. Und schlecht wird es vor allem, wenn Alkohol ins Spiel kommt und die Stimmung steigt. An warmen Sommerabenden oder an Wochenenden. Aber passiert ist zum Glück noch nichts“, so der Vater zweier erwachsener Töchter.

 

Wenn im Frühling Bäume und Blumen an der Alster blühen

Wenig später fährt die „Sielbek“ unter der Krugkoppelbrücke hindurch in den Alsterkanal. Auch heute noch sei das Frühjahr für ihn die schönste Jahreszeit in Hamburg, lacht Sawatzki und zeigt durch die schmalen Fenster seiner Brücke: „Wenn die Bäume im Alsterpark oder die Rhododendren und Blumen in den Privatgärten am Kanal blühen, strahlt die Stadt richtig.“ Nach genau einer Stunde kommt der Anleger am „Winterhuder Fährhaus“ in Sicht. Jürgen Sawatzki dreht seine „Sielbek“ und legt an. Einige Fahrgäste gehen von Bord, drei asiatische Reisende und eine Hamburgerin mit Saisonkarte steigen zu. Wieviele Passagiere er in seiner Laufbahn gefahren hat? Sawatzki weiß es selbst nicht. „Ich schätze, dass es 140 bis 150 Gäste durchschnittlich am Tag sind – alles andere kann man sich ja ausrechnen …“ Genau eine Stunde und neun Halte später sind Jürgen Sawatzki, die „Sielbek“ und eine Handvoll Passagiere – dank Zwischenaus- und -zustiegen wechselt ihre Anzahl ständig – zurück am Jungfernstieg. Es ist Punkt 13.15 Uhr. Nach einer kurzen Pause wird der Kapitän seine Mittagsfahrt auf einem anderen ATG-Schiff machen. Wann er ganz von Bord geht? Jürgen Sawatzki überlegt: „Drei Jahre werde ich mindestens noch fahren. Zum Glück kommen ja Jüngere nach, obwohl das Thema Fachkräftemangel auch bei der ATG groß ist.“

"Alsterschippern": Ticketverkauf der Alster-Touristik am Jungfernstieg in Hamburg. Foto: Christoph Schumann, 2025
"Alsterschippern": Ticketverkauf der Alster-Touristik am Jungfernstieg in Hamburg. Foto: Christoph Schumann, 2025

Info: Geschichte, Fahrzeiten und Preise für Hamburgs „Weiße Flotte“

Seit genau 166 Jahren zeigt Hamburgs „Weiße Flotte“ Passagieren die Elbmetropole aus einem anderen Blickwinkel. Los ging es im Sommer 1859: Am 15. Juni des Jahres machte der Schraubendampfer „Alina“, der dem Hamburger Schiffsmakler Johann Peter Parrau gehörte, erstmals die Leinen los – der kleine Dampfer startete auf der Alster mit einem Liniendienst zum Mühlenkamp im Stadtteil Winterhude sowie nach Eppendorf. Drei bzw. vier Schilling kostete die Fahrt, die als Premiere der heutigen Alster-Touristik GmbH (ATG) gilt. Ein Luxus für eine zuverlässige Verkehrsverbindung, den sich fast alle leisten konnten. Schon 1860 schloss sich Parraus mit anderen Anbietern zu einem Verkehrsverbund mit abgestimmten Fahrplänen und gleichem Tarifsystem zusammen. Ihren noch heute typischen weißen Anstrich erhielten die Schiffe dann 1902 – das Geburtsjahr der „Weißen Flotte“. Jahr 1911 beförderten die Alsterdampfer im 30-Minuten-Takt fast elf Millionen Fahrgäste. Man fuhr sogar nachts. Heute besitzt die ATG, die wie die Hafenfähren der HADAG zur Hochbahn AG gehört, 18 Schiffe, mit denen sie an 365 Tagen rund 250.000 Gäste jährlich über Alster oder Elbe fährt, Touristen ebenso wie Hamburgerinnen und Hamburger. Insgesamt stehen mehr als 9000 Fahrten im Programm der ATG: die 2-stündige Alsterkreuzfahrt, eine ebenfalls 2-stündige Fahrt durch die Kanäle von Winterhude und Barmbek, eine Tour durch die Fleete der historischen Speicherstadt bis hin zur 3-stündigen Fahrt in die Vierlande bis zum Hafen Bergedorf. Einen Liniendienst wie in den Anfängen im 19. Jh. gibt es nicht mehr.

 

Fahrkarten für eine Alsterfahrt kosten z.B. 10 Euro für Erwachsene. Eine Tageskarte liegt bei 20 Euro. 1-stündige Alsterkreuzfahrten kosten 25 Euro, 2-stündige Kanal-, Fleet- und sog. Dämmertörnfahrten 35 Euro. Dafür gibt es auch Familientickets für 60 bzw. 75 Euro.

Fahrpläne, alle Ticketpreise u.a. findet ihr auf www.alstertouristik.de

 

 

Stand meiner Reportage und aller Angaben: Sommer 2025. Copyright: Christoph Schumann, Hamburg