Dänemark: Region Mitteljütland will junge Dänen von nachhaltigerer Mobilität überzeugen

Auch junge Däninnen und Dänen wollen einen eigenen Pkw - und der Verkehr wächst. Foto: Region Midtjylland/PR
Auch junge Däninnen und Dänen wollen einen eigenen Pkw - und der Verkehr wächst. Foto: Region Midtjylland/PR

INFRASTRUKTUR und WIRTSCHAFT Viborg (cs). Die jungen Dänen lieben das Auto – auch die jungen Dänen, muss man sagen, denn mit fast drei Millionen registrierten Pkw im ersten Halbjahr meldete das nationale Statistikamt einen neuen Höchstwert: Mit genau 2.962.726 angemeldeten Autos erreichte das Königreich im Juni einen historischen Rekord. Und der Trend zum Auto setzt sich auch in den jüngeren Generationen fort. Laut einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Umfrage der größten dänischen Online-Fahrzeugplattform Bilbasen zieht mehr als die Hälfte der 18- bis 30-jährigen Däninnen und Dänen die Anschaffung eines eigenen Autos in Erwägung. Dies kann ein E-Auto oder Verbrenner sein. Das Entscheidende: Ist ein Autoschlüssel erst einmal im Haus, erscheint ein Leben ohne eigenes Fahrzeug als kaum noch vorstellbar.

Wer 25 Jahre alt ist, möchte ein Auto

Laut der Studie „De Unge Mobilitetsforbrugere“ (dt. Die jungen Mobiltitätsnutzer) sind junge Personen in Dänemark in der Regel um die fünfundzwanzig Jahre alt, wenn sie Fahrrad oder Busticket gegen ein Auto eintauschen. Der erste Gedanke an die Anschaffung eines Fahrzeugs kommt aber viel früher auf: Mehr als die Hälfte der 18- bis 20-Jährigen haben laut Bilbasen bereits über den Kauf eines Wagens nachgedacht. In diesem Alter sind nur achtzehn Prozent der jungen Dänen schon selbst Eigentümer eines Autos. Sechzig Prozent der Jahrgänge haben aber Zugang zu einem Wagen – von den Eltern, von Freunden oder dem Partner. Als Hauptgrund für den Trend zum Autokauf fällt immer wieder die Nennung der Zeitersparnis. Darüber hinaus empfinden die jungen Befragten zwischen 18 und 30 Jahren die Kosten für den Autoverkehr nicht als übermäßig hoch. Dies liegt unter anderem daran, dass sich rund siebzig Prozent der Erstkäufer für einen Gebrauchtwagen entscheiden – wobei der durchschnittliche Kaufpreis mit etwa 122.000 dänischen Kronen (etwa 16.000 Euro) etwa bei der Hälfte des Landesdurchschnitts liegt.

 

Dänemark – ein Muster-Fahrradland?

Damit erhält das Bild vom nachhaltigen Fahrrad-Musterland Dänemark erkennbare Risse. Zumal sich einundneunzig Prozent der Befragten nicht vorstellen können, auf das Auto zu verzichten, sobald sie eines besitzen. Kurz vor der Sommerpause in der dänischen Politik hat der Regionalrat der Region Mitteljütland (dän. Region Midtjylland) mit ihre Hauptsitz in Viborg ein neues Projekt beschlossen, dass junge Menschen motivieren soll, mehr im Schuljahr Fahrgemeinschaften für ihren Weg zur Schule, Universität oder Ausbildungsstätte zu bilden. Denn gerade in den oft ländlichen Gebieten Jütland gilt eine seltene oder fehlende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wie das Busnetz als häufigstes Argument fürs Autofahren. Vier Millionen Kronen (ca. 535.000 Euro) der Region sollen nach dem Sommer in die Förderung von Mitfahrgelegenheiten fließen. „Mit den neuen Fördermitteln wollen wir den Weg zur Ausbildung oder Schule erleichtern und gleichzeitig untersuchen, wie Fahrgemeinschaften den öffentlichen Nahverkehr optimal ergänzen können“, so der Vorsitzende des Regionalrats, Anders G. Christensen von der konservativen Partei Venstre.

 

Für jeden Mitfahrenden gibt es umgerechnet 1,40 Euro

Das neue Projekt basiert auf den Erfahrungen eines zweijährigen Pilotversuchs, den die Region Mitteljütland in den Jahren 2024 und 2025 an achtzehn Bildungseinrichtungen für Jugendliche durchgeführt hat: Das dänische Marktforschungsinstitut Epinion hat den Versuch für die Region evaluiert und dabei wichtige neue Erkenntnisse gewonnen, wie Per Møller Jensen (S), Vorsitzender des Ausschusses für Regionalentwicklung, betont: „Wir sehen, dass junge Dänen Interesse an Fahrgemeinschaften haben und konzentrieren unsere Bemühungen nun dort, wo der Bedarf am größten ist. Wir wollen sicherstellen, dass mehr junge Menschen gute Möglichkeiten haben, zu ihrer Ausbildungsstätte und zurück zu gelangen, ohne dass der Busverkehr Fahrgäste verliert.“ Ein zentrales Instrument ist dabe die App „nabogo“ – mehr als 4.100 junge Menschen in Mitteljütland haben sich seit ihrer Lancierung 2024 dafür angemeldet und mehr als 35.000 Fahrgemeinschaften gebildet. Das Prinzip: Jugendliche, die ihr Auto zur Verfügung stellten, erhielten einen Zuschuss von zehn Kronen (ca. 1,40 Euro) für jede Fahrt, bei der andere Jugendliche mitfuhren – ein Anreiz, der überzeugte.

Die Auswertung des abgeschlossenen Projekts zeigt, dass das Angebot vor allem von jungen Menschen in ländlichen Gebieten und kleineren Ortschaften ohne gute Bus- oder Bahnverbindungen genutzt wird. An einigen Orten hat der Zuschuss jedoch auch dazu geführt, dass junge Fahrgäste vom Bus auf das Auto umgestiegen sind. Um diese ungewünschte Tendenz zu brechen, konzentriert die Region Mitteljütland ihre nun bewilligten Mittel gezielt auf jene Bildungseinrichtungen, die nicht gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind.

 

Copyright Text und Idee: Christoph Schumann, Hamburg, Juli 2026