Vom Hotdog als Weltkulturerbe – Dänemarks typische Pølsevogne

Am besten Platz des Landes: Hotdogstand auf dem Rathausplatz in Kopenhagen. Foto: Stefanie Czechowsky, 2025
Am besten Platz des Landes: Hotdogstand auf dem Rathausplatz in Kopenhagen. Foto: Stefanie Czechowsky, 2025

REPORTAGE Kopenhagen/Jütland (cs). Ein erster Stopp muss gleich hinter der Grenze sein. Wenn wir – ob in den Urlaub oder beruflich – nach Dänemark fahren und die Grenze bei Flensburg überqueren, führt an einem Abstecher über Kruså (oder Krusau) und Kollund kein Weg vorbei. Ausnahmen bestätigen die Regel und sind nur nach längerer Diskussion in seltenen Fällen erlaubt. Der Grund ist ein, sagen wir: kulinarischer (auch wenn darüber zugegebenermaßen oft geteilte Meinungen herrschen) und liegt hinter Kollund im kleinen Örtchen Sønderhav und hat Blick auf die Flensborg Fjord bzw. die Flensburger Förde: Annies Kiosk ist einer, wenn nicht der berühmteste Hotdog-Stand im Königreich. Anziehungspunkt für Reisende wie uns. Und an warmen Sommertagen vor allem für hunderte Motorradfahrer, die die 1966 von Annie Bøgild gegründete Fastfood-Bude als internationalen Treffpunkt ansteuern, um einen „Fransk Hotdog“ mit französischem Dressing auf Mayonnaise-Basis, einen „Hotdog med det hele“, also allem – mit Brötchen, Rød Pølse (den nicht mehr ganz so roten Würstchen wie früher), Ketchup, Senf, Remoulade, gehackten Zwiebeln, Röstzwiebeln und Gurkenscheiben – oder einfach nur ein Bier oder einen Kaffee mit Wasserblick und Plausch zu genießen. Vorausgesetzt, sie haben einen Parkplatz gefunden.

Lizenz zum Würstchenverkauf seit 1921

Die legendäre Annie lebt zwar leider schon seit einigen Jahren nicht mehr, doch ihr Erbe wird von Familienmitgliedern weiter im Sinne der früheren „Hotdog-Königin“ weitergeführt. Wie hier in Südjütland gehören Hotdog und Co. fest zum dänischen Streetfood-Alltag. Kein Wunder, immerhin begann der große Erfolg des Hotdogs schon vor mehr als hundert Jahren. Los ging die Eroberung der dänischen Gaumen genau am 18. Januar 1921. Damals erhielten in Kopenhagen sechs kleine, weiße Stände erstmals die Erlaubnis, Würstchen mit Senf und Brot zu verkaufen. Ideengeber und erster Lizenznehmer war Charles Svendsen Stevns, eigentlich hauptberuflich Musiker. Seitdem sind die Würstchenwagen, dänisch Pølsevogne, eigentlich nicht mehr aus dem Straßenbild der dänischen Hauptstadt wegzudenken. Allerdings ist der traditionelle mobile Hotdog-Wagen, der in fünfzehn Minuten startklar ist und zu seinem Standort auf Plätzen oder in Fußgängerzonen fahren kann, heute fast ein Fossil: Gab es Anfang der 1970er Jahre noch etwa 700 der mobilen Versorger zwischen Fanø und Bornholm, sind es nun landesweit nur noch etwa hundert. Und anders als damals stehen oft nicht mehr selbständige Gastronomen hinter dem Tresen – die „Pølsevogne“ gehören in der Regel einer der bekannten Großschlachtereien wie Tulip oder Steff Houberg. Abgelöst wurden die rollenden Schnellimbisse meist von feststehenden Hotdog-Kiosken, die nicht selten kleine Restaurants mit Tischen und Sitzplätzen sind.

Auch in Nordjütland gibt es rollende Hotdogbuden – wie hier in Hals. Foto: Christoph Schumann, 2024
Auch in Nordjütland gibt es rollende Hotdogbuden – wie hier in Hals. Foto: Christoph Schumann, 2024

Echter Hotdog – aber bio und vegetarisch

Auch bio, vegetarisch und vegan
Die heute wie damals vergleichsweise preiswerte Haupt- oder Zwischenmahlzeit ist so typisch dänisch, dass sogar Kulturminister Jakob Engel-Schmidt im Frühjahr seine Landsleute dazu aufrief, darüber abzustimmen, ob der Hotdog nicht immaterielles Weltkulturerbe werden sollte: „Was wäre, wenn unsere Pølsevogne mit einer Unesco-Plakette allen Kunden zeigen könnten, dass das, was sie essen, dänisches Kulturgut ist – und nicht irgendein beliebiges Fastfood?“ Bei Redaktionsschluss war die Online-Abstimmung allerdings noch nicht beendet.

Apropos beendet: Auch die Entwicklung des Hotdogs bleibt nicht stehen. Denn sogar quasi gesund können Hotdogs inzwischen sein: Bei Den Økologiske Pølsemand (DØP) in Kopenhagen zum Beispiel bestehen alle Hotdogs aus Bio-Zutaten. Sogar vegetarische und vegane Hotdogs mit Tofuwurst sind auf der Speisekarte von Claus Christensen zu finden. Schon seit 2009 setzt der von der Insel Als stammende Bio-Würstchenmann auf gesunde bzw. gesündere Schnellkost mit „pølser“ aus regionalem ökologischen Rinder- und Schweinefleisch kombiniert mit Vollkornbrötchen – gleichzeitig auch der Favorit des Inhabers. Seine ungewöhnliche Idee gab Christensen von Anfang an recht: „Ich habe Stammkunden, die seit der ersten Stunde immer wiederkommen.“ Wir gehören dazu, wenn wir in Kopenhagen sind.

 

 

Stand meiner Reportage: Sommer 2025. Copyright Idee, Text und Fotos: Christoph Schumann, Hamburg