Märchenhafte Riesen – der Däne Thomas Dambo und seine Trolle

PORTRÄT. Kopenhagen. Irgendwann waren sie einfach da. Oder waren sie immer da? Denn von Trollen, den nordischen Wesen, hat Thomas Dambo schon als kleines Kind gehört. Für Dänen gehören die Fabelwesen schließlich zur ersten Lektüre, wenn Eltern oder Großeltern Trollmärchen vorlesen. „Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied“, sagt der in Odense geborene Künstler, „meine Trolle sind riesig, nicht klein wie in der Mythologie.“ Dabei hat auch der studierte Designer klein angefangen: Eines seiner ersten Werke waren vor zehn Jahren die „250 Vogelhäuser“ für die Stadt Kolding, wo Dambo die renommierte Fachhochschule Designskolen besuchte. Entwürfe der bunten Starenkästen ziehen die Blicke der Besucher auch heute noch in Dambos kreativer Werkstatt im Kopenhagener Viertel Nordhavn schnell auf sich.

Schon bald wurden aus den Vogelhäuschen richtige Vogelhäuser: 2011 installierte der 1979 geborene Dambo ein rotes „Großes Vogelhaus“ an der Brücke Dronning-Louises-Bro in Kopenhagen. Kein Wunder, dass gleich das erste Objekt in Dambos Kopenhagener Kreativlabor, staunen lässt: Der meterhohe Kopf eines Trolls mit Knollennase, der auf einem noch unfertigen Körper-Rohbau aus Holz thront und mild-lächelnd auf alle Gäste hinunterschaut. „Seit ich als Kind die ersten Geschichten gehört habe, habe ich mich in die magischen Welten von Drachen und Trollen geträumt. Als Teenager begann ich diese Storys zu Rap-Gedichten zu machen, um meine Gefühle auf CDs und bei Auftritten mitzuteilen“, erinnert sich Dambo.

Riesen aus Resten

Das Jahr 2012 könnte man darum als ein Übergangsjahr in Dambos künstlerischer Entwicklung beschreiben. Denn einerseits installierte er während seines Urlaubs in Berlin noch einige seiner ungewöhnlichen Vogelhäuser. Andererseits aber entstand im Sommer desselben Jahres in Dambos dänischer Heimat der erste überlebensgroße Troll: Im Rahmen eines Kunst-Workshops auf der norddänischen Insel Mors im Limfjord baute das Multitalent gemeinsam mit Kindern „Mr Jack Lumber“ – eine rund sieben Meter hohe Märchengestalt mit Knollennase. Erstellt komplett aus wiederverwendetem Restmaterial wie Europaletten und Abfallholz.

 

Dieses Arbeitsprinzip hat Dambo bis heute beibehalten und immer weiter verfeinert. Das Kopenhagener Atelier des Dänen gleicht darum eher einem Lager als einem Werkraum: In hohen Regalen liegen zerteilte Hölzer aus Paletten oder aussortierten Ladeneinrichtungen eines dänischen Einzelhandelsunternehmen, aber auch Zufallsfunde wie Kunststoffe, Puppen, Elektronik und vieles mehr. „Wir müssen aufhören, das, was wir nicht mehr benötigen, als Abfall zu betrachten“, sagt Dambo. „All meine Skulpturen entstehen aus Recyclingmaterial. Ich möchte zeigen, wie wertvoll Weggeworfenes sein kann und was man alles noch daraus machen kann.“ Gemeinsam mit seinem internationalen Team aus sieben MitarbeiterInnen entwickelt Dambo im früheren Bootshaus in Nordhavn zunächst Ideen für neue Arbeiten, meist Trolle. Diese werden von Skizzen zu Modellen.

"Joe the Guardian" war Teil der sechs Trolle großen Ausstellung „Troll Hunt“ in Morton Arboretum, Chicago, 2018. Foto: Thomas Dambo/PR
"Joe the Guardian" war Teil der sechs Trolle großen Ausstellung „Troll Hunt“ in Morton Arboretum, Chicago, 2018. Foto: Thomas Dambo/PR

Raus in die Natur

Die eigentliche Arbeit aber erfolgt vor Ort: Ob in Hamburg, wo Dambo im Rahmen des Festivals MS Dockville 2016 aus rund einhundert Paletten rund um eine Birke die nach einer Helferin benannte Skulptur „Anna of Green“ wachsen ließ, ob in Bulgarien, den USA, im vergangenen Herbst in Puerto Rico, Mexiko und Spanien – immer entstehen die Arbeiten des ideenreichen Dänen in Kooperation mit eigenen MitarbeiterInnen oder im Austausch mit begeisterten Menschen vor Ort. Je nach Umfang des Projekts dauert dies mehrere Tage bis zu einem halben Jahr wie im Fall von „The 7 Trolls and The Magical Tower“ im belgischen Wald De Schorre Provinciaal Recreatiedomein, wo die Crew fünfundzwanzig Wochen an den sieben bis achtzehn Meter hohen Trollen und einem siebzehn Meter hohen Turm aus wiederverwendeten Materialien arbeitete. Die Natur, genauer die Verbindung von Menschen und Natur sind die größte Motivation hinter Dambos Energie: „Wir müssen raus, raus in die Natur. Ihre Vielfalt und Verletzlichkeit neu entdecken. Und wir kleinen Menschenkinder müssen uns endlich zusammenreißen und zurücknehmen. Wenn nicht, werden wir bald verschwunden sein.“

 

Aus diesem Grund möchte Dambo Neugierige nicht nur in atemberaubende Nationalparks in Nordamerika, sondern auch in die vergleichsweise unspektakuläre Natur seines Heimatlandes locken. Der letztjährige Erfolg seiner „Sechs vergessenen Riesen“ in den unweit von Kopenhagen gelegenen Gemeinden Rødovre, Hvidovre, Vallensbæk, Ishøj, Albertslund und Høje Taastrup bestätigt seinen Einsatz: „Die Menschen kommen und staunen. Sie gehen auf eine Schatzjagd, um die Trolle zu suchen und zu finden.“ Ausgeschildert sind die ebenfalls gemeinsam mit Freiwilligen gebauten Riesen, vor denen Besucher sich klein fühlen, nämlich nicht. Man findet sie zufällig, begegnet ihnen völlig überraschend. Für die Trolle auf Seeland gilt wie für alle Landschaftsskulpturen Dambos: Wer den Fabelwesen treffen möchte, muss bald kommen – denn alle Kunstwerke sind nicht dauerhaft, sondern verwittern nach sechs oder sieben Jahren. Sie halten so lange, wie die von Dambo verwendeten Recyclingbaustoffe wieder Teil der Natur werden: „Das ist Teil ihrer und unserer Geschichte.“

 

Internet: thomasdambo.com

"Hector el protector" ist entstanden beim Kunstfestival Culebra Es Ley auf der Insel Culebra in Puerto Rico. 2014. Foto: Thomas Dambo/PR
"Hector el protector" ist entstanden beim Kunstfestival Culebra Es Ley auf der Insel Culebra in Puerto Rico. 2014. Foto: Thomas Dambo/PR