Der dänische Farbenbefreier: Verner Panton zum 100. Geburtstag

Verner Panton in ganzer Farbenpracht – die berühmte "Spiegel"-Kantine steht heute im Museum für Kunst & Gewerbe in Hamburg. Foto: MKG/Henning Rogge/PR
Verner Panton in ganzer Farbenpracht – die berühmte "Spiegel"-Kantine steht heute im Museum für Kunst & Gewerbe in Hamburg. Foto: MKG/Henning Rogge/PR

PORTRÄT Kopenhagen/Hamburg/Weil am Rhein (cs). Neulich in einem Kopenhagener Hotel: Der Tisch im morgendlich noch halbdunklen Frühstücksraum wird von einer kleinen, roten Lampe – zugegebenermaßen etwas sparsam – erleuchtet. Auf dem Nebentisch ist das Leuchtobjekt grün, schräg gegenüber schwarz. Der typisch kuppelförmige Lampenschirm und der pilzartige Fuß der Lampe verraten gleich, dass die Inneneinrichter meiner Unterkunft dabei auf dänisches Design gesetzt haben. Panthella heißt die Tischleuchte, die aktuell eine wahre Renaissance erlebt. In öffentlichen Räumen, genauso aber auch im Privaten. Entworfen wurde die Lampe von einem der größten und ideenreichsten Designer, den Dänemark im letzten Jahrhundert hatte: Verner Panton.

Genau 100 Jahre alt wäre der in Gamtofte nahe der Hafenstadt Assens auf Fünen am 13. Februar 1926 geborene Architekt und Designer jetzt geworden, der seine Arbeitsweise noch kurz vor seinem Tod 1998 so skizzierte: „Ein gescheitertes Experiment ist oft wichtiger als ein triviales Design.“ Diese ergebnisoffene Haltung zieht sich wie ein roter (sic!) Faden durch Pantons gesamtes Werk. Der Kreative war kein Designer, der vorsichtig tastete – Panton war eher jemand, der forderte, der vorschlug, der provozierte. Und nicht zuletzt deshalb scheint sein Einfluss heute wieder größer denn je. Verner Panton hat der Welt vor allem eines gegeben: Farbe. Doch mutig war der studierte Architekt mit Abschluss an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Kopenhagen 1951 nicht nur bei der Wahl seiner Farben – Mut zeigte Panton auch bei Gestaltung und Wahl der verwendeten Materialien. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete Panton im Büro eines anderen Top-Architekten und -Gestalters seiner Heimat: Arne Jacobsen (SAS-Hotel, Sessel „Das Ei“ u.a.). Doch die Disziplin seines Mentors war schnell zu eng für Panton. Er wollte mehr als funktionale Gebäude und Möbel – seine Vision waren emotionale Räume, ja Gesamtkunstwerke, in denen Licht, Farbe und Form eine untrennbare Einheit bilden. 

Der dänische Designer Verner Panton wäre 100 Jahre alt geworden. Foto Copyright: Verner Panton Design AG
Der dänische Designer Verner Panton wäre 100 Jahre alt geworden. Foto Copyright: Verner Panton Design AG

Bequem sitzen auf der Lieblingsfarbe

Pantons Aussage „Man sitzt bequemer auf einer Farbe, die man mag“ ist darum eine programmatische Grundhaltung: Für ihn war Farbe kein Detail, sondern der Ausgangspunkt jedes Entwurfs. Schon früh erkannte Panton die Chancen neuer Materialien. Kunststoffe, die in den 1960ern noch als industrielle Experimente galten, wurden für den Dänen zum Medium einer neuen Formensprache. Mit ihnen konnte er Kurven formen, die zuvor nicht möglich gewesen waren. Sein bekanntestes Ergebnis ist der nach ihm benannte Panton Chair von 1967 – der erste freischwingende Kunststoffstuhl aus einem Stück. Bis heute produziert von Vitra, avancierte der Sitz zu einem Symbol des „Space Age“-Designs. Er steht wie kaum ein anderes Möbel für Pantons Überzeugung, dass Funktion und Fantasie sich nicht ausschließen. Ähnlich wie Arne Jacobsen sah Panton aber nicht nur einzelne Objekte: durchgestaltete Räume waren für ihn emotionale Systeme. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür war Pantons temporärer Ausstellungsraum „Visiona II“ für modernes Design, der im Rahmen der Kölner Modemesse „Wohnen heute“ 1970 auf dem Rhein unterwegs war. Möbel, Textilien, Leuchten, Wand- und Deckenverkleidungen – Pantons Phantasie ließ kein Detail aus. Wer dieser Kraft, die noch heute wirkt, nachspüren will, sollte unbedingt einmal die Kantine des „Spiegel“-Magazins besuchen: Der Farbenrausch in Rot- und Orangetönen war 1969 bei der Eröffnung des Verlagshauses ein futuristischer Kontrast zum journalistischen Tagesgeschäft. Nach dem Umzug des Medienhauses ist die unter Denkmalschutz stehende Kantine im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) unweit des Hamburger Hauptbahnhofs zu erleben. Das Original ist leider nicht ganz vollständig, aber ein Muss für Designfans.

Verner Panton, »Panton Chair«, Vitra, 1956–67. Foto: PR/Verner Panton Design AG, © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans
Verner Panton, »Panton Chair«, Vitra, 1956–67. Foto: PR/Verner Panton Design AG, © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans

Kreativ bis ins hohe Alter
Pantons Spätwerk zeigt einen Designer, der nicht müde wurde, mit Farben und Materialien zu experimentieren, auch wenn der Zeitgeist sich zwischenzeitlich wieder der Minimalistik zuwandte. In den 1990er-Jahren erlebte Pantons Arbeit eine späte Renaissance, als mutige Formen und Pop-Referenzen wieder in Mode kamen. Noch ein Jahr vor seinem Tod gestaltete er die „Pantonova“-Sitzmöbel neu und arbeitete an Entwürfen, die später posthum realisiert wurden. 1998 starb Verner Panton in Kopenhagen – doch sein Einfluss scheint in den vergangenen Jahren stärker geworden als je zuvor. Die weltweite Sehnsucht nach (Wohn-)Atmosphäre, die Persönlichkeit und Emotion vermitteln, hat seine Entwürfe erneut in die Mitte der Designszene gerückt. Pantons Werk ist heute nicht nur in Museen präsent, sondern im Alltag vieler Wohn- und Arbeitswelten. Kaum ein anderer Designer steht so sehr dafür, Räume als Erlebnis zu begreifen. Vielleicht liegt darin das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs: Pantons Vision war nie nur die Form – es war immer die Wirkung.

WEITERE INFORMATIONEN

 

Panton „live“ entdecken – in Dänemark, Hamburg und Weil am Rhein
Wer Verner Pantons einmaliges Design und seine Arbeiten entdecken möchte, kann dies u.a. in Dänemark in den sehenswerten Museen Designmuseum Danmark in Kopenhagen (www.designmuseum.dk) und im Kunstmuseum Trapholt in Kolding (nach Umbau leider erst wieder ab Frühjahr 2027; www.trapholt.dk). Die „Spiegel“-Kantine in Hamburg steht nun im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (www.mkg-hamburg.de). Eine der größten Verner-Panton-Sammlungen besitzt das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, dessen Bestände in Zusammenarbeit mit der Verner Panton Design AG das Erbe des dänischen Kreativen sichert und sich um Ausstellungen, Leihgaben und Publikationen kümmert. Im Mai 2026 wird das Museum eine neue Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags von Panton eröffnen. (www.design-museum.de