
WISSENSCHAFT Kopenhagen (cs). Schlafen und schwitzen – die Hitzetage, die Europa einschließlich Schleswig-Holstein so früh wie noch nie im Griff hatten, sind ein im wahrsten Sinn des Wortes brennender Beleg dafür, dass Sommerwochen selbst bei uns für immer mehr Menschen zu einer körperlichen Herausforderung werden. Denn nicht nur im Süden Europas kühlt es nachts zwischen Juni und August oft nicht mehr ab. Selbst in noch vor wenigen Jahren als garantiert „hitzefrei“ geltenden Regionen im Norden werden sogenannte Tropennächte zur neuen Normalität (s. Sonderkasten). Und die Gefahren für die öffentliche Gesundheit wachsen, belegt eine jetzt vorgestellte Studie führender Schlafforscher. „Wir sehen weltweit Belege dafür, dass selbst mäßige Anstiege der Nachttemperaturen dazu führen, dass die Nächte für viele kürzer ausfallen und die Menschen in den kürzeren Schlafphasen mehr schwitzen als früher. Das hat spürbare Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit – quer durch alle Bevölkerungsschichten“, sagt Kelton Minor im Gespräch mit unserer Zeitung. Der in den USA geborene Experte war als außerordentlicher Professor am Institut für Psychologie sowie am Copenhagen Center for Social Data Science der Universität Kopenhagen als einer der Experten an der im Fachmagazin „Sleep“ in Oxford erschienenen Untersuchung „A wake-up call for a global climate and sleep task force“ (dt. Weckruf für eine globale Klima- und Schlafanstrengung) beteiligt.
Kaum sechs Stunden Schlaf
„Wärmere Nächte beeinträchtigen unseren Schlaf in alarmierendem Ausmaß“, so der 36-jährige Kelton Minor weiter. „Und das Problem verschlimmert sich ganz offensichtlich.“ Mit der fortschreitenden globalen Erwärmung stiegen die Nachttemperaturen vor allem in enger bebauten Wohngebieten noch schneller an als die Tagestemperaturen. Dies wirke sich zusehends darauf aus, wie gut und wie lange Menschen schlafen. Berechnungen zufolge schlafen von einhunderttausend Menschen in einer heißen Nacht mit mehr als siebenundzwanzig Grad fast zehn Prozent weniger als sechs Stunden. Und damit deutlich weniger als sonst. Kelton Minor: „Heiße Nächte beeinträchtigen nicht mehr nur den Schlaf von Millionen, sondern von Milliarden Personen weltweit. Ohne Gegenmaßnahmen wird sich das Problem noch verschlimmern.“ Die neue Studie wertet mehr als ein Jahrzehnt Forschung rund um den Zusammenhang zwischen Temperatur und Schlaf aus. Mithilfe von Labor- und von Feldexperimenten belegen die Forscher – darunter die Präsidenten der World Sleep Society und der International Pediatric Sleep Association –, dass Menschen in heißen Nächten später einschlafen und kürzer schlafen. Zudem summiere sich das Schlafdefizit von Nacht zu Nacht.
Straßen und Gebäude sind Hitzespeicher
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass bisherige Forschungsarbeiten kein umfassendes Bild von jenen Regionen der Welt liefern, in denen die hitzebedingten Probleme am größten sind. „Es ist paradox, dass wir über den Schlaf der Menschen in einigen der weltweit heißesten und am stärksten von der Klimaveränderung betroffenen Regionen am wenigsten wissen – also genau dort, wo die Auswirkungen weiterer Temperaturanstiege voraussichtlich am härtesten treffen werden“, unterstreicht Kelton Minor und verweist auf eine Untersuchung zu Obdachlosen im indischen Delhi, die zeigt, dass etwa die Hälfte (49 %) von ihnen weniger als vier Stunden pro Nacht schläft und fast alle (95 %) die Hitze dafür verantwortlich machen. Ein Befragter erklärte: „Der Straßenbelag wird tagsüber so heiß, dass er die ganze Nacht über heiß bleibt. Wenn wir uns hinlegen, dringt die Hitze in unsere Körper ein, sodass an Schlaf nicht zu denken ist.“ Besonders Menschen aus Afrika und Südostasien seien in bisherigen Studien unterrepräsentiert, so Minor, obwohl gerade dort der Temperaturanstieg über dem globalen Durchschnitt liege.
Gebäude verschärfen Schlafprobleme
Anpassungsmaßnahmen wie Klimaanlagen oder eine allmähliche Akklimatisierung scheinen keinen ausreichenden Schutz des Schlafs vor Hitze zu bieten. Tatsächlich könnte die vom Menschen geschaffene Umgebung das Problem sogar noch verschlimmern, weiß der Kopenhagener Forscher: „Die Hitze erschwert nicht nur das Einschlafen in der Nacht. Viele Gebäude speichern die schlafbeeinträchtigende Wärme – selbst nachdem die Außentemperaturen bereits gesunken sind. Das kann zu langfristigem Schlafmangel führen, was der körperlichen und geistigen Gesundheit schaden kann“, so Kelton Minor weiter. Schlechterer Schlaf aber könne die neurokognitiven Funktionen und die allgemeine Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und gleichzeitig das Unfallrisiko etwa am Arbeitsplatz sowie die Anfälligkeit für Krankheiten und Infektionen erhöhen. Dies habe Folgen für den Einzelnen, aber auch für ganze Gesellschaften. Körperliche wie finanzielle. „Kurz gesagt: Der menschliche Schlaf ist bei Weitem noch nicht an das wärmere Klima angepasst, das wir schon heute erleben – geschweige denn an das deutlich wärmere Klima, das unsere Kinder erwartet“, sagt Kelton Minor. Dies gelte auch für den Norden.
"Wir brauchen eine gemeinsame globale Arbeitsgruppe"
Lange Zeit hat sich die Schlafforschung auf andere Faktoren als die Temperatur konzentriert, etwa auf die Auswirkung von Licht bzw. Beleuchtung. Neue Beobachtungsdaten zeigen jedoch, dass Hitze den Schlaf über sehr große Regionen hinweg und oft über längere Zeiträume erheblich beeinträchtigen kann. Sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, gehen die Forschenden davon aus, dass sich die Auswirkungen höherer Temperaturen auf den Schlaf weiter verstärken. „Die Reaktion des menschlichen Schlafs auf die Temperatur scheint nicht linear zu sein. Die Kurve wird steiler, je wärmer die Nächte werden. Und jedes weitere Grad Celsius Temperaturanstieg kann den Schlaf noch stärker beeinträchtigen als das vorherige“, so der gebürtige Amerikaner.
Die Forschenden schlagen deshalb die Einrichtung einer globalen Arbeitsgruppe zu den Themen Klima und Schlaf vor, um die Überwachung zu verbessern und Anpassungsmaßnahmen dort zu fördern, wo sie bislang fehlen. Gleichzeitig müsse eine solche Initiative Wissen länder- und forschungsbereichübergreifend bündeln. „Wir brauchen eine koordinierte, weltweite Anstrengung, um zu verstehen, wie sich das Klimasystem der Erde auf den Schlaf in verschiedenen Lebensphasen und Bevölkerungsgruppen auswirkt. Zudem müssen wir Lösungen entwickeln, die sich schnell skalieren lassen, um unsere Nachtruhe in einer wärmeren Welt zu schützen“, sagt Kelton Minor. Der Psychologe betont, dass der Erhalt eines gesunden Schlafs in einem immer wärmer werdenden Klima keine reine Angelegenheit des Einzelnen mehr ist. Guter Schlaf sei ein zentraler Faktor für die öffentliche Gesundheit, der in alle Bereiche einbezogen werden sollte – in Schlafhygiene, Wohnungspolitik, Architektur und Stadtplanung bis hin zu Schlafmedizin und globalen Klimaanpassungs- und Aktionsplänen.
EXTRA: Sommerliche Tropennächte und Klimaerwärmung in Schleswig-Holstein
Die zunehmende Zahl sogenannter Tropennächte (oft auch „tropische Sommernächte“ genannt) gilt als eines der deutlichsten Signale für Klimaerwärmung hierzulande. Laut Definition von Meteorlogen fällt in einer Tropennacht die Lufttemperatur zwischen 18 und sechs Uhr nicht unter die 20-Grad-Marke. Klimamodelle des Deutschen Wetterdiensts (DWD) zeigen, dass Tropennächte in Deutschland häufiger werden. Regionen, in denen sie heute noch selten sind, werden künftig regelmäßig betroffen sein. Besonders stark steigt die Zahl in Städten und im Südwesten Deutschlands. Für Metropolen wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt/Main gilt, dass Gebäude und Asphalt tagsüber Wärme speichern und nachts wieder abgeben („städtische Wärmeinseln“). In Schleswig-Holstein kühlen Nord- und Ostsee die Sommernächte bislang oft noch ab, weshalb Tropennächte dort historisch deutlich seltener sind als etwa im Rhein-Main-Gebiet oder am Oberrhein. Projektionen des DWD folgend könnten für Schleswig-Holstein und Hamburg aber die Zahl der Tropennächte bis Ende des Jahrhunderts bei bis zu 26 zusätzlichen Tropennächten gegenüber dem Zeitraum 1961 bis 1990 steigen. Betroffen wäre allerdings vor allem Hamburg – dem küstenreichen und ländlicheren Schleswig-Holstein könnten aber immerhin zwischen vier und mehr als zehn Tropennächte drohen.
Copyright Idee und Text: Christoph Schumann, Hamburg, Juni 2026
